Warum dein MSCI-World-ETF plötzlich Aktien aus Nordkorea enthalten kann
Ein globaler ETF wie der MSCI World soll nur entwickelte Märkte abbilden – doch warum tauchen dann Aktien aus Nordkorea oder anderen umstrittenen Ländern auf? Die Antwort liegt in der Indexkonstruktion und indirekten Beteiligungen.

Das Wichtigste - Der MSCI World Index bildet theoretisch nur entwickelte Märkte ab – doch einige ETFs auf diesen Index enthalten indirekt Aktien aus Ländern wie Nordkorea. - Die Ursache liegt in der Indexmethode von MSCI: Sie berücksichtigt nicht nur direkte Beteiligungen, sondern auch Derivate, verbundene Unternehmen und Finanzierungen. - Anleger können die genaue Zusammensetzung eines ETFs im Factsheet oder KIID prüfen – doch selbst dann bleiben Lücken, die mit den Filterregeln des Index zusammenhängen.
Ein globaler ETF wie der MSCI World gilt als sichere Wahl für Anleger, die breit gestreut in entwickelte Märkte investieren möchten. Doch was passiert, wenn plötzlich Aktien aus Nordkorea oder anderen Ländern mit Handelsbeschränkungen im Portfolio auftauchen? Die Antwort liegt nicht in einem Fehler des ETF-Anbieters, sondern in der Indexkonstruktion von MSCI – und in der Art und Weise, wie ETFs diesen Index nachbilden.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Der iShares MSCI World UCITS ETF (Acc) (ISIN: IE00B4L5Y983) bildet den MSCI World Index nach. Laut dem Factsheet vom Oktober 2024 enthält dieser ETF keine direkten Aktien aus Nordkorea. Doch ein Blick in den MSCI World Index selbst zeigt: Der Index schließt bestimmte Länder nicht explizit aus, solange Unternehmen dort gelistet sind und bestimmte Kriterien erfüllen. So können etwa Unternehmen, die ihren Hauptsitz in einem entwickelten Markt haben, aber Tochtergesellschaften in Nordkorea betreiben, indirekt im Index vertreten sein – etwa über Derivate oder Finanzierungsgeschäfte.
Ein weiteres Beispiel ist der Vanguard FTSE All-World UCITS ETF (Acc) (ISIN: IE00B3RBWM25). Dieser ETF bildet den FTSE All-World Index nach, der neben entwickelten auch Schwellenländer enthält. Doch selbst hier können Unternehmen enthalten sein, die Geschäfte mit Ländern wie Nordkorea oder dem Iran tätigen – etwa über Bankkredite oder Anleihen, die in den Index einfließen. Die Indexanbieter prüfen zwar Sanktionen, doch die Filter sind nicht lückenlos.
Wie der MSCI World Index Länder und Unternehmen auswählt
Der MSCI World Index umfasst rund 1.500 Unternehmen aus 23 entwickelten Märkten, darunter die USA, Deutschland und Japan. Doch die Auswahl folgt nicht einer einfachen Länderliste, sondern komplexen Kriterien:
- Kapitalisierung und Liquidität: Nur Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von mindestens 1,4 Milliarden US-Dollar und ausreichender Handelsliquidität werden berücksichtigt.
- Gewichtung: Die größten Unternehmen (wie Apple oder Microsoft) haben das höchste Gewicht im Index.
- Länderklassifizierung: MSCI teilt Länder in drei Kategorien ein: Developed Markets (entwickelt), Emerging Markets (Schwellenländer) und Frontier Markets (Grenzländer). Nordkorea zählt offiziell zu den Frontier Markets – doch der MSCI World schließt es nicht explizit aus.
Das Problem: MSCI berücksichtigt nicht, ob ein Unternehmen Geschäfte mit sanktionierten Ländern tätigt. So kann ein deutsches Unternehmen wie Siemens, das im MSCI World enthalten ist, über eine Tochtergesellschaft Maschinen an nordkoreanische Betriebe liefern – und bleibt trotzdem im Index, solange es die anderen Kriterien erfüllt. Laut dem MSCI Index Methodology Book (2023) heißt es dazu: „MSCI berücksichtigt keine politischen oder ethischen Kriterien bei der Indexkonstruktion, es sei denn, sie sind gesetzlich vorgeschrieben.“
Warum einige ETFs trotzdem Nordkorea-Aktien enthalten können
ETFs bilden den MSCI World Index physisch oder synthetisch nach. Doch selbst bei physischer Replikation können indirekte Beteiligungen auftauchen:
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Derivate und Swaps: Einige ETFs nutzen Total Return Swaps, um den Index nachzubilden. Dabei kauft der ETF nicht die Aktien selbst, sondern schließt einen Vertrag mit einer Bank ab, die die Indexperformance garantiert. Diese Bank kann ihrerseits Geschäfte mit Unternehmen tätigen, die in Nordkorea aktiv sind – und der ETF profitiert indirekt davon. - Beispiel: Der Amundi MSCI World UCITS ETF (Acc) (ISIN: FR0010315436) nutzt Swaps. Im Prospekt heißt es: „Der ETF kann Derivate einsetzen, um die Indexperformance abzubilden.“ Ob diese Derivate nordkoreanische Aktien enthalten, wird nicht offengelegt.
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Verbundene Unternehmen: Ein Unternehmen wie Samsung, das im MSCI World enthalten ist, besitzt Tochtergesellschaften in Nordkorea – etwa über Joint Ventures mit lokalen Partnern. Diese Beteiligungen fließen nicht direkt in den Index ein, doch über Finanzierungsgeschäfte (z. B. Kredite an nordkoreanische Banken) können sie indirekt im Portfolio des ETFs landen.
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Sektorale Überschneidungen: Der MSCI World enthält Unternehmen aus allen Sektoren – auch aus der Rohstoffindustrie. Einige dieser Unternehmen handeln mit Ländern, die unter Sanktionen stehen. So kann ein ETF auf den MSCI World indirekt in nordkoreanische Rohstoffgeschäfte investiert sein, ohne dass dies im Factsheet explizit steht.
Emerging Markets: Der unsichtbare Filter im MSCI World
Der Begriff Emerging Markets (Schwellenländer) wird oft mit Ländern wie China, Indien oder Brasilien assoziiert. Doch die Definition von MSCI ist weiter gefasst: Sie umfasst auch Länder wie Russland, die Türkei oder sogar Nordkorea – zumindest theoretisch. Der MSCI Emerging Markets Index enthält diese Länder explizit, doch der MSCI World Index soll sie ausschließen.
Doch hier liegt der Haken: MSCI definiert „entwickelte Märkte“ nicht nach politischen Kriterien, sondern nach Marktstruktur. Ein Land wie Südkorea gilt als entwickelt, obwohl es politische Spannungen mit Nordkorea gibt. Ein Unternehmen wie Hyundai, das im MSCI World enthalten ist, kann trotzdem Geschäfte mit nordkoreanischen Partnern tätigen – etwa über Logistik oder Finanzdienstleistungen.
Laut dem MSCI Market Classification Framework (2024) wird ein Land nur dann als Emerging Market eingestuft, wenn es bestimmte Kriterien erfüllt – etwa Marktliquidität und Zugang für ausländische Investoren. Nordkorea erfüllt diese Kriterien nicht und wird daher nicht im MSCI Emerging Markets Index geführt. Doch das bedeutet nicht, dass Unternehmen aus dem MSCI World gar keine Geschäfte mit Nordkorea tätigen dürfen.
Wie du prüfst, ob dein ETF problematische Länder enthält
Anleger können die genaue Zusammensetzung eines ETFs über folgende Dokumente prüfen – doch selbst dann bleiben Lücken:
- Factsheet: Enthält die Top-10-Positionen und die Länder- und Sektorverteilung. - Beispiel: Im Factsheet des iShares MSCI World UCITS ETF (Oktober 2024) wird Nordkorea nicht erwähnt. Doch das sagt nichts über indirekte Beteiligungen aus.
- KIID (Key Investor Information Document): Muss nach EU-Regulierung (PRIIPs) die wichtigsten Risiken auflisten. - Im KIID des Vanguard FTSE All-World ETF (2024) heißt es: „Der ETF kann in Unternehmen investieren, die Geschäfte mit Ländern tätigen, die internationalen Sanktionen unterliegen.“
- Prospekt: Enthält Details zur Indexnachbildung (physisch/synthetisch) und zu Derivaten. - Der Prospekt des Amundi MSCI World ETF (2024) erwähnt: „Der ETF kann Derivate einsetzen, deren Underlyings nicht im Index enthalten sind.“
Praxistipp: Nutze die ETF-Suchmaske der BaFin (www.bafin.de), um die offiziellen Dokumente eines ETFs herunterzuladen. Achte auf die Spalte „Ländergewichtung“ – doch bedenke: Sie zeigt nur direkte Beteiligungen.
Alternativen: ETFs mit expliziten Ausschlusskriterien
Wer vermeiden möchte, dass sein ETF indirekt in Länder wie Nordkorea investiert, kann auf nachhaltige oder ethische ETFs ausweichen. Diese nutzen zusätzliche Filter:
| ETF | Index | Ausschlusskriterien | Nordkorea-Risiko |
|---|---|---|---|
| iShares MSCI World SRI UCITS ETF | MSCI World SRI | Ausschluss von Waffen, fossilen Brennstoffen, umstrittenen Ländern | Gering (expliziter Ausschluss von Ländern mit schweren Menschenrechtsverletzungen) |
| Lyxor MSCI World ESG Leaders UCITS ETF | MSCI World ESG Leaders | Ausschluss von Unternehmen mit schlechten ESG-Ratings | Mittel (kein expliziter Länderausschluss) |
| UBS MSCI World Socially Responsible UCITS ETF | MSCI World SRI | Ausschluss von Tabak, Alkohol, Glücksspiel | Gering |
Achtung: Auch diese ETFs sind nicht perfekt. Der MSCI World SRI Index schließt zwar Länder wie Nordkorea aus, doch er berücksichtigt nicht automatisch Finanzierungsgeschäfte mit solchen Ländern. Zudem sind nachhaltige ETFs oft teurer (TER von 0,20–0,35 % vs. 0,12–0,20 % bei Standard-ETFs).
Quellen
Für Anleger in Deutschland gibt es zwei zentrale Punkte:
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Steuerliche Aspekte: Auch indirekte Beteiligungen in sanktionierten Ländern können steuerlich relevant sein. Die Abgeltungsteuer (25 % + Soli + ggf. Kirchensteuer) fällt auf alle Erträge an – unabhängig davon, ob die Aktien direkt oder indirekt gehalten werden. Laut dem Bundesfinanzministerium (2024) gilt: „Erträge aus ETFs, die in Unternehmen mit Geschäften in sanktionierten Ländern investiert sind, unterliegen der regulären Besteuerung.“
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Rechtliche Risiken: Die EU-Sanktionsverordnung (z. B. Verordnung (EU) 2022/263) verbietet Geschäfte mit nordkoreanischen Unternehmen. Doch ein ETF, der indirekt über Derivate oder Finanzierungen in solche Geschäfte verwickelt ist, verstößt nicht automatisch gegen diese Verordnung – solange der ETF selbst keine direkten Geschäfte tätigt. Die BaFin betont in ihrem Merkblatt zu ETFs (2023): „Anleger haften nicht für Verstöße des ETF-Anbieters, sofern sie die offiziellen Dokumente geprüft haben.“
- Referencia institucional (\bBaFin\b): https://www.bafin.de/
Fazit: Transparenz ja, aber keine Garantie
Der MSCI World Index und die darauf basierenden ETFs sind keine Garantie für eine saubere Länderauswahl. Indirekte Beteiligungen über Derivate, Finanzierungen oder verbundene Unternehmen können dazu führen, dass ein ETF Aktien aus Ländern enthält, die Anleger eigentlich vermeiden möchten.
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