Indexfonds halten Anteile an insolventen Firmen – wie das funktioniert
Indexfonds bilden Indizes automatisch nach – und diese enthalten oft Unternehmen kurz vor der Insolvenz. Warum das kein Zufall ist und was Anleger wissen müssen.

Das Wichtigste - Indexfonds bilden Indizes automatisch nach – und diese enthalten oft Unternehmen kurz vor der Insolvenz. - Die Aufnahme in einen Index folgt klaren Regeln, nicht der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens. - Anleger können das Risiko indirekt begrenzen, indem sie die Indexzusammensetzung prüfen.
Im Herbst 2020 stand die deutsche Finanzwelt unter Schock: Die Wirecard AG, einst im DAX 30 gelistet, meldete Insolvenz an. Doch noch wenige Wochen zuvor war das Unternehmen Teil des MSCI World Index – einem der weltweit am häufigsten nachgebildeten Indizes für Indexfonds. Für Anleger, die über einen breit gestreuten ETF auf diesen Index setzten, bedeutete das: Ihr Portfolio hielt indirekt Anteile an einem Unternehmen, das kurz vor dem Kollaps stand. Wie konnte das passieren?
Die Antwort liegt nicht in einer gezielten Fehlentscheidung der Fondsgesellschaften, sondern in der Mechanik der Indexnachbildung. Indexfonds (ETFs) bilden Indizes wie den MSCI World oder den FTSE All-World 1:1 nach. Die Zusammensetzung dieser Indizes folgt jedoch nicht der wirtschaftlichen Stabilität der enthaltenen Unternehmen, sondern technischen Regeln. Diese Regeln legen fest, wann ein Unternehmen aufgenommen oder ausgeschlossen wird – und Insolvenz ist dabei kein automatischer Ausschlussgrund.
Wie Unternehmen kurz vor der Insolvenz in Indizes landen
Die Aufnahme eines Unternehmens in einen Index wie den MSCI World hängt von drei Hauptkriterien ab: 1. Marktkapitalisierung: Das Unternehmen muss zu den größten der Welt gehören. 2. Liquidität: Seine Aktien müssen an Börsen gehandelt werden, die den Anforderungen des Index entsprechen. 3. Branchenzugehörigkeit: Es muss einer der definierten Sektoren angehören (z. B. Technologie, Finanzen, Konsumgüter).
Wirecard erfüllte diese Kriterien bis kurz vor der Insolvenz. Der Indexanbieter MSCI erklärte nach dem Skandal, dass die Regeln für den Ausschluss eines Unternehmens aus einem Index nicht primär auf dessen Bonität oder wirtschaftliche Lage abzielen. Stattdessen wird ein Unternehmen erst dann ausgeschlossen, wenn es nicht mehr die Aufnahmekriterien erfüllt – etwa weil seine Marktkapitalisierung unter einen bestimmten Schwellenwert fällt oder es von der Börse genommen wird.
Ein weiteres Beispiel ist die Steinhoff International Holdings, ein südafrikanischer Möbelhändler, der 2017 in einen Bilanzskandal verwickelt war. Trotz der Krise blieb Steinhoff im FTSE All-World Index enthalten, bis seine Marktkapitalisierung unter die geforderte Mindestgrenze sank. Bis dahin hielten zahlreiche Indexfonds weiterhin Anteile an dem Unternehmen.
Warum Indexanbieter insolvente Unternehmen nicht sofort ausschließen
Die Regeln der großen Indexanbieter wie MSCI, FTSE Russell oder S&P Dow Jones sind darauf ausgelegt, Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten. Ein automatischer Ausschluss bei Insolvenz würde zu häufigen und unvorhersehbaren Indexanpassungen führen. Stattdessen setzen die Anbieter auf regelmäßige Überprüfungen (meist quartalsweise) und marktbasierte Kriterien.
Laut der MSCI Index Methodology (2023) wird ein Unternehmen erst dann aus einem Index ausgeschlossen, wenn: - Es nicht mehr an einer regulierten Börse gehandelt wird. - Seine Marktkapitalisierung unter einen definierten Schwellenwert fällt (z. B. unter 0,01 % der Gesamtmarktkapitalisierung des Index). - Es keine ausreichende Liquidität mehr aufweist.
Ein Insolvenzverfahren allein führt nicht zum Ausschluss. Die BaFin betont in ihrem Jahresbericht 2022, dass Indexfonds zwar systematische Risiken bergen können, wenn sie stark in einzelne Branchen oder Unternehmen konzentriert sind. Allerdings sei die automatische Nachbildung von Indizes ein zentrales Merkmal passiver Fonds – und damit auch deren Exposure gegenüber insolventen Unternehmen.
Das Risiko für Anleger: Indirekte Exposition trotz Diversifikation
Für Anleger, die über Indexfonds in globale Märkte investieren, bedeutet dies: Diversifikation schützt nicht automatisch vor insolventen Unternehmen. Zwar verteilt ein ETF wie der iShares MSCI World (Acc) das Risiko auf tausende Unternehmen. Doch wenn eines dieser Unternehmen kurz vor der Insolvenz steht, bleibt das Portfolio diesem Risiko ausgesetzt – bis die Indexanpassung erfolgt.
Ein konkretes Beispiel ist der Vanguard FTSE All-World UCITS ETF, der den FTSE All-World Index nachbildet. Dieser Index enthielt bis 2023 die Evergrande Group, einen chinesischen Immobiliengiganten, der 2021 in eine schwere Krise geriet. Obwohl Evergrande bereits 2021 erste Zahlungsausfälle meldete, blieb es im Index enthalten, bis seine Marktkapitalisierung unter die geforderte Schwelle fiel. Bis dahin hielten zahlreiche ETFs Anteile an dem Unternehmen.
Die ESMA (Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde) warnt in ihrem Report on Passive Funds (2021) vor diesem „Tracking Error-Risiko“: Da Indexfonds den Index exakt nachbilden müssen, können sie nicht proaktiv auf Insolvenzen reagieren. Für Anleger bedeutet das: Sie tragen das Risiko mit, bis die Indexanpassung erfolgt – oft mit Verzögerung.
Wie Anleger das Risiko indirekter Insolvenzexposition begrenzen können
Auch wenn Indexfonds nicht gezielt in insolvente Unternehmen investieren, können Anleger das Risiko indirekt steuern. Drei Ansätze sind besonders wirksam:
1. Indexzusammensetzung prüfen
Nicht alle Indizes sind gleich. Einige Anbieter wie FTSE Russell oder S&P Dow Jones haben in den letzten Jahren zusätzliche Filter eingeführt, die Unternehmen mit hohem Insolvenzrisiko ausschließen. Beispiel: - Der FTSE4Good Index schließt Unternehmen aus, die gegen Umwelt- oder Sozialstandards verstoßen – dazu können auch solche mit hoher Verschuldung gehören. - Der MSCI ESG Leaders Index berücksichtigt ESG-Kriterien, die indirekt auch das Risiko von Insolvenzen reduzieren können (z. B. durch bessere Corporate Governance).
Anleger sollten daher vor dem Kauf eines ETFs die Indexbeschreibung lesen und prüfen, ob der Index zusätzliche Ausschlusskriterien enthält.
2. Breitere Streuung wählen
Ein ETF auf den MSCI World enthält etwa 1.500 Unternehmen. Wer das Risiko weiter streuen möchte, kann auf breitere Indizes wie den FTSE All-World (über 3.900 Unternehmen) oder den MSCI ACWI (über 2.900 Unternehmen) setzen. Je größer der Index, desto geringer ist die relative Gewichtung einzelner Unternehmen – und damit auch das Risiko eines hohen Exposures gegenüber einem insolventen Unternehmen.
3. Aktiv gemanagte Fonds oder Themen-ETFs in Betracht ziehen
Wer das Risiko von Insolvenzen vollständig ausschließen möchte, kann auf aktiv gemanagte Fonds setzen, die gezielt Unternehmen mit stabiler Bonität auswählen. Alternativ bieten Themen-ETFs wie „Quality“- oder „Low Volatility“-Fonds eine Möglichkeit, das Risiko zu reduzieren. Allerdings sind diese Fonds oft teurer als passive Indexfonds und bieten keine Garantie gegen Insolvenzen.
Regulatorische Rahmenbedingungen: Was sagt die BaFin?
Die BaFin überwacht die Einhaltung der Regeln für Indexfonds in Deutschland. In ihrem Jahresbericht 2022 weist sie darauf hin, dass passive Fonds zwar keine aktiven Entscheidungen treffen, aber dennoch systematische Risiken bergen können. Dazu gehört auch die Exposition gegenüber insolventen Unternehmen.
Die BaFin betont, dass Anleger nicht automatisch geschützt sind, nur weil sie in einen Indexfonds investieren. Vielmehr müssen sie sich selbst über die Zusammensetzung des Index informieren. Die Behörde empfiehlt: - Prospekte und Basisinformationsblätter (KIDs) zu lesen, um die Indexregeln zu verstehen. - Regelmäßig die Indexzusammensetzung zu überprüfen, insbesondere bei großen Marktverwerfungen. - Diversifikation nicht als Allheilmittel zu betrachten – auch breit gestreute Portfolios können Risiken bergen.
FAQ: Die wichtigsten Fragen zu Indexfonds und Insolvenzrisiko
Kann ich als Anleger ausschließen, dass mein Indexfonds insolvente Unternehmen hält?
Nein, nicht vollständig. Selbst wenn ein Unternehmen kurz vor der Insolvenz steht, bleibt es oft bis zur nächsten Indexanpassung im Portfolio. Anleger können das Risiko jedoch indirekt begrenzen, indem sie Indizes mit zusätzlichen Ausschlusskriterien (z. B. ESG-Filter) wählen oder auf breitere Indizes setzen.
Wie oft werden Indizes angepasst, um insolvente Unternehmen auszuschließen?
Die meisten großen Indizes (z. B. MSCI World, FTSE All-World) werden quartalsweise überprüft. Ein Unternehmen wird erst dann ausgeschlossen, wenn es die Aufnahmekriterien nicht mehr erfüllt – etwa weil seine Marktkapitalisierung unter einen bestimmten Schwellenwert fällt oder es nicht mehr an einer regulierten Börse gehandelt wird.
Gibt es Indexfonds, die gezielt insolvente Unternehmen ausschließen?
Ja, einige Anbieter wie FTSE Russell oder S&P Dow Jones bieten Indizes mit zusätzlichen Filtern, die Unternehmen mit hohem Insolvenzrisiko ausschließen. Beispiele sind der FTSE4Good Index oder der MSCI ESG Leaders Index. Allerdings sind diese Fonds oft teurer als klassische Indexfonds.
Fazit: Transparenz statt Überraschungen
Indexfonds sind ein mächtiges Instrument für kostengünstige und breite Diversifikation. Doch ihre Stärke – die automatische Nachbildung von Indizes – birgt auch ein verstecktes Risiko: die indirekte Exposition gegenüber Unternehmen kurz vor der Insolvenz. Dies ist kein Fehler der Fondsgesellschaften, sondern eine Folge der Indexregeln.
Anleger können das Risiko indirekt steuern, indem sie: 1. Die Zusammensetzung des zugrundeliegenden Index prüfen. 2. Auf breitere Indizes oder solche mit zusätzlichen Ausschlusskriterien setzen. 3. Regelmäßig die Indexanpassungen verfolgen.
Letztlich gilt: Kein Investment ist risikofrei – auch nicht in Indexfonds. Doch wer die Mechanismen versteht, kann fundiertere Entscheidungen treffen.
Quellen
- MSCI (2023), MSCI Index Methodology, [MSCI]
- BaFin (2022), Jahresbericht 2022, [BaFin]
- ESMA (2021), Report on Passive Funds and Market Structure, ESMA
- Bundesanzeiger (2
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