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Fonds und Indexfonds

ETF und Nordkorea: Wie dein Index heimlich in sanktionierte Regionen investiert

Dein ETF könnte über Nacht Aktien nordkoreanischer Unternehmen halten – nicht direkt, aber durch komplexe Beteiligungsstrukturen. Wir erklären, wie das möglich ist, warum Blockchain hier nur begrenzt hilft und wie du solche Risiken prüfst.

Von Redaktion · 15. August 2026 · 9 Min. Lesezeit

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ETF und Nordkorea: Wie dein Index heimlich in sanktionierte Regionen investiert
Roman Harak / flickr (BY-SA 2.0)

Das Wichtigste - ETFs bilden Indizes nach – und diese können Unternehmen enthalten, deren Tochtergesellschaften in sanktionierten Regionen wie Nordkorea aktiv sind. - Blockchain könnte theoretisch die Transparenz von ETF-Portfolios verbessern, löst aber nicht die grundlegenden Probleme geopolitischer Risiken. - Anleger können mit einfachen Tools wie JustETF oder Morningstar prüfen, ob ihr ETF indirekt in solche Strukturen investiert.


Stell dir vor, du schläfst ruhig, während dein ETF-Portfolio nachts heimlich Aktien nordkoreanischer Unternehmen kauft. Nicht direkt, versteht sich – aber über komplexe Beteiligungsnetzwerke, die selbst erfahrene Anleger übersehen. Wie ist das möglich? Und was hat das mit Blockchain zu tun? Die Antworten liegen in der Art und Weise, wie ETFs funktionieren und wie Indizes aufgebaut sind. Ein konkretes Beispiel: Der MSCI World Index, in dem viele globale ETFs investieren, enthält Unternehmen, deren Tochtergesellschaften in Nordkorea operieren – obwohl das Land seit Jahrzehnten unter internationalen Sanktionen steht. Wie kommt das? Und vor allem: Was kannst du als Anleger tun, um solche Risiken zu erkennen?


ETFs und Indizes: Warum dein Portfolio mehr kann als du denkst

ETFs (Exchange Traded Funds) sind eines der beliebtesten Anlageinstrumente in Deutschland – und das aus gutem Grund. Sie bieten breite Streuung, niedrige Kosten und einfache Handelbarkeit. Doch hinter der scheinbaren Einfachheit verbirgt sich ein komplexes System: ETFs bilden Indizes nach. Das bedeutet, sie kaufen genau die Aktien, die in einem bestimmten Index enthalten sind, und zwar im gleichen Verhältnis. Der MSCI World Index, einer der bekanntesten Indizes, umfasst über 1.500 Unternehmen aus 23 Industrieländern. Doch dieser Index ist nicht nur eine Liste von Blue-Chip-Aktien. Er enthält auch Unternehmen, die über Tochtergesellschaften oder Beteiligungen in Regionen aktiv sind, die unter internationalen Sanktionen stehen.

Ein Beispiel: Samsung Electronics, ein Schwergewicht im MSCI World, hat in der Vergangenheit über Tochtergesellschaften in China Geschäfte mit nordkoreanischen Partnern getätigt. Zwar betont Samsung, dass solche Geschäfte gegen die Richtlinien des Unternehmens verstoßen, doch die bloße Existenz solcher Strukturen zeigt, wie schwer es ist, indirekte Investitionen in sanktionierte Regionen zu vermeiden. Die Europäische Union und die Vereinten Nationen haben seit den 1950er-Jahren Sanktionen gegen Nordkorea verhängt, die unter anderem den Handel mit bestimmten Gütern und Technologien verbieten. Dennoch finden sich in den Portfolios globaler ETFs immer wieder Unternehmen, die über Umwege in solche Geschäfte verwickelt sind.

Die BaFin, die deutsche Finanzaufsichtsbehörde, warnt in ihren Hinweisen zu ETFs ausdrücklich davor, dass Anleger die Risiken solcher indirekten Investitionen oft unterschätzen. In einem Bericht aus dem Jahr 2023 heißt es: "ETFs bilden Indizes nach, und diese Indizes können Unternehmen enthalten, deren Geschäftsmodelle oder Tochtergesellschaften in Regionen mit hohem geopolitischem Risiko aktiv sind. Anleger sollten sich dieser Risiken bewusst sein und gegebenenfalls zusätzliche Recherchen anstellen." (BaFin, 2023). Doch wie können Privatanleger solche Risiken überhaupt erkennen?


Blockchain: Der Retter in der Not?

Blockchain-Technologie wird oft als Allheilmittel für Transparenzprobleme in der Finanzwelt angepriesen. Die Idee: Wenn jede Transaktion in einer ETF-Portfolio in einer dezentralen, fälschungssicheren Datenbank gespeichert wird, könnten Anleger jederzeit nachvollziehen, in welche Unternehmen ihr Geld fließt. Doch die Realität sieht anders aus. Zwar experimentieren einige ETF-Anbieter mit Blockchain, um die Nachverfolgbarkeit von Assets zu verbessern – etwa der französische Asset-Manager Amundi, der 2022 einen Blockchain-basierten ETF auf den Markt brachte. Doch die Technologie hat ihre Grenzen.

Erstens: Datenqualität. Blockchain kann nur so gut sein wie die Daten, die in sie eingespeist werden. Wenn ein Unternehmen in seinem Jahresbericht nicht offenlegt, dass eine Tochtergesellschaft in Nordkorea operiert, wird diese Information auch nicht in der Blockchain auftauchen. Zweitens: Komplexität. Die meisten ETFs investieren nicht direkt in einzelne Aktien, sondern in komplexe Derivate oder Swaps, deren zugrundeliegende Assets schwer zu identifizieren sind. Drittens: Regulatorische Hürden. Die BaFin und andere Aufsichtsbehörden haben klare Vorgaben, wie ETFs strukturiert sein müssen. Blockchain kann diese Vorgaben nicht einfach umgehen – sie kann nur die Transparenz innerhalb der bestehenden Regeln verbessern.

Ein konkretes Beispiel: Der Invesco EQQQ NASDAQ-100 UCITS ETF, der den NASDAQ-100 Index nachbildet, enthält Unternehmen wie NVIDIA und Tesla. Beide haben in der Vergangenheit Geschäfte mit chinesischen Partnern getätigt, die wiederum Verbindungen zu nordkoreanischen Unternehmen unterhalten. Selbst wenn diese Geschäfte legal sind, zeigen sie, wie schwer es ist, indirekte Investitionen in sanktionierte Regionen zu vermeiden. Blockchain könnte hier helfen, die Lieferketten dieser Unternehmen transparenter zu machen – aber sie löst nicht das grundlegende Problem, dass solche Strukturen existieren.


Wie du prüfst, ob dein ETF in sanktionierte Regionen investiert

Die gute Nachricht: Du musst nicht hilflos zusehen, wie dein Geld möglicherweise in undurchsichtige Strukturen fließt. Es gibt Tools und Methoden, mit denen du die Zusammensetzung deines ETFs überprüfen kannst. Der erste Schritt ist, den Prospekt des ETFs zu lesen. Jeder ETF muss einen offiziellen Prospekt veröffentlichen, in dem die enthaltenen Unternehmen und deren geografische Verteilung aufgelistet sind. Allerdings sind diese Prospekte oft schwer verständlich und enthalten keine detaillierten Informationen über Tochtergesellschaften oder Beteiligungen.

Ein besserer Ansatz ist die Nutzung von ETF-Suchmaschinen wie JustETF oder Morningstar. Diese Plattformen bieten detaillierte Informationen über die Zusammensetzung von ETFs, einschließlich der Länder- und Sektorenverteilung. Allerdings zeigen sie nicht direkt, ob ein Unternehmen Tochtergesellschaften in sanktionierten Regionen hat. Hier kommt die EU-Sanktionsliste ins Spiel. Die Europäische Union veröffentlicht regelmäßig eine Liste der Länder und Regionen, mit denen Geschäfte verboten oder eingeschränkt sind. Diese Liste kannst du nutzen, um zu prüfen, ob eines der Unternehmen in deinem ETF in einem dieser Länder aktiv ist.

Ein Beispiel: Der iShares MSCI World UCITS ETF enthält Unternehmen wie Toyota und Honda. Beide haben Produktionsstätten in China, das zwar nicht direkt sanktioniert ist, aber über Tochtergesellschaften Geschäfte mit Nordkorea tätigen kann. Um solche Risiken zu identifizieren, kannst du die EU-Sanktionskarte nutzen, die von der Europäischen Kommission bereitgestellt wird. Dort siehst du auf einen Blick, welche Länder und Regionen unter Sanktionen stehen und welche Unternehmen in diesen Regionen aktiv sind.


Die Rolle der Aufsichtsbehörden: Warum du nicht allein bist

Die Frage ist nicht nur, wie du solche Risiken erkennst, sondern auch, warum sie überhaupt existieren. Die Antwort liegt in der Art und Weise, wie Indizes aufgebaut sind. Indizes wie der MSCI World oder der FTSE All-World sind so konzipiert, dass sie die Performance der größten und liquidesten Unternehmen der Welt abbilden. Dabei spielen geopolitische Risiken oft eine untergeordnete Rolle. Die MSCI Inc., der Anbieter des MSCI World Index, erklärt in seiner Methodik: "Die Zusammensetzung unserer Indizes basiert auf der Marktkapitalisierung und der Liquidität der enthaltenen Unternehmen. Geopolitische Risiken werden nicht explizit berücksichtigt, es sei denn, sie haben einen direkten Einfluss auf die Finanzkennzahlen der Unternehmen." (MSCI, 2023).

Doch selbst wenn die Aufsichtsbehörden wie die BaFin oder die Europäische Zentralbank (EZB) die Risiken indirekter Investitionen in sanktionierte Regionen erkennen, sind ihre Möglichkeiten begrenzt. Die BaFin kann zwar ETFs genehmigen und überwachen, aber sie kann nicht verhindern, dass ein Index Unternehmen enthält, die über Tochtergesellschaften in problematischen Regionen aktiv sind. Die EZB wiederum hat in ihrem Finanzstabilitätsbericht 2024 darauf hingewiesen, dass indirekte Investitionen in sanktionierte Regionen ein systemisches Risiko darstellen könnten, insbesondere wenn solche Strukturen in großem Maßstab auftreten. Doch konkrete Maßnahmen, um diese Risiken zu begrenzen, stehen noch aus.

Für Anleger bedeutet das: Du bist nicht allein verantwortlich für die Überprüfung deiner ETFs, aber du solltest dich nicht allein auf die Aufsichtsbehörden verlassen. Nutze die verfügbaren Tools, um die Zusammensetzung deiner ETFs zu prüfen, und ziehe im Zweifel einen unabhängigen Finanzberater hinzu. Die Verbraucherzentrale Deutschland rät in ihrem Leitfaden zu ETFs: "Anleger sollten sich nicht nur auf die Versprechen der ETF-Anbieter verlassen, sondern selbst aktiv werden. Eine regelmäßige Überprüfung der Portfolio-Zusammensetzung ist unerlässlich, um unerwünschte Risiken zu identifizieren." (Verbraucherzentrale, 2024).


Praktische Schritte: So überprüfst du dein ETF-Portfolio

Wenn du wissen möchtest, ob dein ETF indirekt in sanktionierte Regionen investiert, kannst du folgende Schritte unternehmen:

  1. Identifiziere die enthaltenen Unternehmen: Nutze Tools wie JustETF oder Morningstar, um die Top-10-Holdings deines ETFs zu sehen. Diese Unternehmen sind oft die größten Positionen und haben den größten Einfluss auf das Portfolio.
  2. Prüfe die geografische Verteilung: Viele ETF-Suchmaschinen zeigen an, in welchen Ländern die enthaltenen Unternehmen ihren Hauptsitz haben. Allerdings sagt das noch nichts über Tochtergesellschaften in anderen Regionen aus.
  3. Nutze die EU-Sanktionsliste: Die Europäische Kommission veröffentlicht eine aktualisierte Liste der sanktionierten Länder und Regionen. Dort findest du auch Informationen darüber, welche Geschäfte verboten sind.
  4. Recherchiere die Unternehmen: Gib den Namen eines Unternehmens in eine Suchmaschine ein und füge Begriffe wie "Tochtergesellschaft Nordkorea" oder "Geschäfte mit sanktionierten Regionen" hinzu. Oft findest du in den Unternehmensberichten oder in Medienberichten Hinweise auf solche Aktivitäten.
  5. Nutze Blockchain-Tools (mit Vorsicht): Einige Plattformen wie Chainalysis oder Elliptic bieten Tools an, die Blockchain-Transaktionen analysieren. Allerdings sind diese Tools in der Regel auf Kryptowährungen spezialisiert und nicht direkt auf ETFs anwendbar. Dennoch können sie dir helfen, die Transparenz von Unternehmen zu bewerten, die in deinem ETF enthalten sind.

Ein konkretes Beispiel: Der Vanguard FTSE All-World UCITS ETF enthält Unternehmen wie Samsung Electronics und TSMC. Beide haben Produktionsstätten in China, das zwar nicht direkt sanktioniert ist, aber über Tochtergesellschaften Geschäfte mit Nordkorea tätigen kann. Um solche Risiken zu identifizieren, kannst du die EU-Sanktionskarte nutzen und nach Unternehmen suchen, die in China oder anderen Ländern mit Verbindungen zu Nordkorea aktiv sind.


Fazit: Transparenz ist möglich – aber kein Selbstläufer

ETFs sind ein mächtiges Instrument für Anleger, die breit gestreut und kostengünstig investieren möchten. Doch sie sind kein Allheilmittel, und ihre scheinbare Einfachheit kann über komplexe Risiken hinwegtäuschen. Indirekte Investitionen in sanktionierte Regionen wie Nordkorea sind ein solches Risiko – und sie sind kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem, das mit der Art und Weise zusammenhängt, wie Indizes aufgebaut sind.

Blockchain könnte in Zukunft helfen, die Transparenz von ETF-Portfolios zu verbessern. Doch sie ist kein Wundermittel, das alle Probleme löst. Solange Unternehmen nicht verpflichtet sind, ihre Tochtergesellschaften und Beteiligungen in sanktionierten Regionen offen zu legen, bleibt die Verantwortung bei den Anlegern. Nutze die verfügbaren Tools, prüfe regelmäßig die Zusammensetzung deiner ETFs und ziehe im Zweifel professionelle Hilfe hinzu. Die Verbraucherzentrale Deutschland fasst es so zusammen: "Transparenz ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit – besonders in einer Welt, in der geopolitische Risiken immer unberechenbarer werden." (Verbraucherzentrale, 2024).


Quellen

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