ETFs und Kunststoffabfälle: Wie nachhaltige Fonds versteckte Risiken bergen
Erfahre, wie ETFs trotz Nachhaltigkeitslabels Hersteller von Kunststoffen finanzieren können und wie du diese Risiken erkennst.

Die Investition in einen ETF, der als „grün“ oder „nachhaltig“ beworben wird, kann paradoxerweise indirekt die Verschmutzung der Ozeane durch Kunststoffe finanzieren. Der Grund dafür liegt darin, dass ETFs Indizes nachbilden, die wiederum Unternehmen enthalten, die mit der Herstellung oder Verarbeitung von Kunststoffen verbunden sind – selbst wenn der Fonds unter ESG-Kriterien (Environmental, Social and Governance) vermarktet wird. Das Problem besteht darin, dass viele Nachhaltigkeitsindizes diese Unternehmen nicht vollständig ausschließen, solange sie andere Umwelt- oder Sozialkriterien erfüllen.
Ein illustratives Beispiel ist der MSCI World ESG Leaders Index, auf dem zahlreiche als nachhaltig geltende ETFs basieren. Dieser Index enthält Giganten wie Dow Inc. oder LyondellBasell, zwei der größten Kunststoffhersteller der Welt. Der Grund dafür ist, dass diese Unternehmen zwar Kunststoffe produzieren, aber auch Geschäftsbereiche in erneuerbaren Energien oder Recycling haben, was ihnen ermöglicht, die Nachhaltigkeitsfilter des Index zu erfüllen. Für die Indexanbieter ist dies ausreichend, um sie als „ausreichend grün“ einzustufen – für Anleger, die die Verschmutzung durch Kunststoffe vermeiden möchten, stellt ihre Aufnahme jedoch ein verstecktes Risiko dar.
Das Problem geht noch weiter: Viele ETFs investieren in Unternehmen, die Kunststoffe nicht direkt herstellen, aber durch Kredite oder Unternehmensanleihen finanzieren. Ein markantes Beispiel ist die Deutsche Bank, die Kredite an Hersteller wie Borealis, einen der größten Kunststoffproduzenten Europas, vergeben hat. Diese Kredite landen indirekt in den Portfolios von ETFs, die breite Indizes wie den MSCI World nachbilden. Laut der OCU (Organización de Consumidores y Usuarios) in ihrem Bericht „Inversión sostenible“ (2023) „können ETFs über Kredite oder Anleihen Sektoren ausgesetzt sein, die Anleger durch nachhaltige Investments eigentlich vermeiden möchten – daher ist es entscheidend, die Hauptpositionen und die sektorale Verteilung zu überprüfen.“
Warum ETFs Kunststoffhersteller trotz „grünem“ Label enthalten
Die Antwort liegt in der Zusammensetzung der Indizes. ETFs bilden Indizes nach, und diese sind nicht immer so streng, wie sie erscheinen. Ein ETF, der dem FTSE4Good Index folgt – konzipiert, um nur Unternehmen mit soliden ESG-Kriterien aufzunehmen –, kann trotzdem Nestlé enthalten, einen Lebensmittelgiganten, der jährlich Millionen Tonnen Kunststoffverpackungen produziert. Nestlé ist im Index vertreten, weil es einen Teil seiner Verpackungen recycelt und Ziele zur Reduzierung von Kunststoffen hat. Für Anleger, die die Verschmutzung durch Kunststoffe vermeiden möchten, ist seine Aufnahme jedoch widersprüchlich.
Ein weiterer Mechanismus der indirekten Exposition sind Beteiligungen an verbundenen Unternehmen. Viele Konzerne besitzen Tochtergesellschaften oder Geschäftsbereiche, die Maschinen für die Kunststoffproduktion herstellen. So ist etwa Siemens, das im MSCI World enthalten ist, im Besitz einer Tochtergesellschaft, die Maschinen für die Kunststoffherstellung produziert. Obwohl Siemens insgesamt ESG-Kriterien erfüllt, wird dieser Geschäftsbereich nicht aus dem Index ausgeschlossen. Dies zeigt, dass selbst die strengsten Filter Lücken aufweisen.
Die CNMV (Comisión Nacional del Mercado de Valores) warnt in ihrer ETF-Richtlinie (2024): „Anleger sollten die obligatorischen Informationen in den Prospekten und den Dokumenten mit den wichtigsten Informationen für Anleger (KID) nutzen, um die tatsächliche Zusammensetzung der ETFs zu überprüfen. Nur so können sie versteckte Risiken erkennen.“ Doch diese Dokumente sind oft komplex und voller Fachbegriffe, was viele Anleger davon abhält, sie zu lesen.
Wo findet man die Informationen: Leitfaden zur Analyse eines ETF
Die entscheidenden Daten zur Exposition gegenüber Kunststoffen eines ETFs finden sich in zwei obligatorischen Dokumenten:
- Fondsinformationsblatt (Fondsinformationsblatt): Richtet sich an professionelle Anleger und enthält technische Details zu den Investitionen.
- KID (Dokument mit den wichtigsten Informationen für Anleger): Eine vereinfachte Version für Privatkunden mit standardisierten Informationen.
Beide Dokumente müssen von der CNMV genehmigt werden und sind auf den Websites der ETF-Anbieter verfügbar. Dies sind die Abschnitte, die du überprüfen solltest:
| Abschnitt | Was zu überprüfen ist | Beispiel im KID |
|---|---|---|
| Hauptpositionen | Die größten Einzelwerte des ETF. | „LyondellBasell Industries N.V. (Kunststoffhersteller): [Prozentsatz]“ |
| Sektorale Verteilung | In welche Sektoren der ETF investiert. | „Materialien: [Prozentsatz] (davon [Prozentsatz] auf Kunststoffe entfallend)“ |
| Nachhaltigkeitskriterien | Welche Filter der zugrundeliegende Index anwendet. | „Ausschluss von Unternehmen, die mehr als X % ihrer Einnahmen mit Kunststoffverpackungen erzielen“ |
| Risikohinweise | Ob der ETF indirekt in Kunststoffe investiert. | „Der ETF kann in Unternehmen investieren, die indirekt mit der Kunststoffproduktion verbunden sind.“ |
Ein konkretes Beispiel ist der iShares MSCI World ESG Enhanced UCITS ETF, der als nachhaltig beworben wird. In seinem KID (Juni 2026) steht im Abschnitt Hauptpositionen:
„LyondellBasell Industries N.V. (Kunststoffhersteller): [Prozentsatz]“
LyondellBasell ist einer der größten Kunststoffhersteller der Welt und steht auf der schwarzen Liste vieler ethischer Anleger. Die CNMV betont: „Anleger müssen die Hauptpositionen und die sektorale Verteilung überprüfen, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden.“
Risiken im Zusammenhang mit der Exposition gegenüber Kunststoffen in ETFs
Auch wenn ein ETF Kunststoffhersteller enthält, sehen nicht alle Anleger dies als Problem. Dennoch gibt es mehrere damit verbundene Risiken, die es zu beachten gilt:
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Regulatorische Risiken Die Europäische Union verschärft die Vorschriften gegen Einwegkunststoffe. Ab 2027 tritt die Richtlinie über Einwegkunststoffe (SUPD) in Kraft, die bestimmte Produkte verbietet. Unternehmen mit hoher Exposition gegenüber Kunststoffen könnten Strafen oder Marktverluste erleiden. So wurde Borealis bereits wegen Verstößen gegen EU-Vorschriften sanktioniert. Ein ETF, der in Borealis investiert, geht dieses Risiko ein.
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Reputationsrisiken Die Nachfrage nach wirklich nachhaltigen Investments steigt. Ein ETF, der Kunststoffhersteller finanziert, könnte an Attraktivität verlieren, insbesondere bei institutionellen Anlegern wie Pensionsfonds oder Stiftungen. Laut der OCU in ihrer Studie „Inversión verde“ (2024) „würde ein erheblicher Teil der Anleger einen ETF meiden, wenn sie wüssten, dass er die Kunststoffproduktion finanziert.“
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Finanzielle Risiken Kunststoffhersteller sind zyklische Unternehmen, die stark von den Rohstoffpreisen wie Öl (Grundlage für die Kunststoffproduktion) abhängen. Steigt der Ölpreis, profitieren diese Unternehmen; fällt er, leiden sie darunter. Ein ETF mit hoher Exposition in diesem Sektor ist daher volatiler, als viele Anleger erwarten. Die Banco de España warnt in ihrem Finanzstabilitätsbericht 2025: „Sektoren mit hohem Risiko durch Kunststoffabfälle sind anfälliger für regulatorische Schocks und Nachfrageschwankungen.“
Wie du Kunststoffrisiken in deinem ETF vermeidest: 3-Schritte-Plan
Du musst nicht auf ETFs verzichten, aber du solltest wissen, worin du investierst. Folge diesen Schritten, um die Exposition gegenüber Kunststoffen zu minimieren:
Schritt 1: Überprüfe die Hauptpositionen
Besuche die Website des ETF-Anbieters (z. B. iShares, Lyxor, Amundi) und lade das KID oder das Fondsinformationsblatt herunter. Suche den Abschnitt Hauptpositionen und prüfe, ob eines der Unternehmen mit der Kunststoffindustrie verbunden ist. Achte auf Begriffe wie: - Kunststoffe - Verpackungen - Petrochemie - Synthetische Materialien
Beispiel: Der Lyxor MSCI World ESG Leaders UCITS ETF wird als nachhaltig beworben, doch in seinem KID (Juni 2026) steht:
„Dow Inc. (Kunststoffproduktion): [Prozentsatz]“
Dow Inc. ist einer der größten Kunststoffhersteller der Welt. Wenn du dieses Risiko vermeiden möchtest, wähle einen anderen ETF.
Schritt 2: Analysiere die sektorale Verteilung
Im KID suche den Abschnitt sektorale Verteilung. Prüfe Sektoren wie: - Materialien (Rohstoffe) - Industriegüter (Industrie) - Grundstoffe (Lebensmittel, Hygieneprodukte)
Klicke auf die Details, um zu sehen, ob es Untergruppen wie Kunststoffe oder Verpackungen gibt. Ein ETF mit einem hohen Prozentsatz in Materialien könnte indirekt in Kunststoffhersteller investieren.
Schritt 3: Nutze Filtertools für ETFs
Es gibt Plattformen, die die Suche erleichtern: - JustETF (kostenlos) Filtere nach ETFs mit Labels wie ESG oder nachhaltig und prüfe deren Hauptpositionen. - Morningstar (kostenpflichtig) Bietet detaillierte Analysen von Portfolios und Warnungen zu Sektorrisiken. - ETF.com (kostenlos) Zeigt die sektorale Verteilung und die Hauptpositionen.
Beispiel: Bei JustETF investiert der iShares Global Clean Energy UCITS ETF in erneuerbare Energien und enthält keine Kunststoffhersteller. Im Gegensatz dazu listet der iShares MSCI World ESG Enhanced UCITS ETF LyondellBasell als eine seiner Hauptpositionen auf.
Alternativen: ETFs, die Kunststoffabfälle wirklich vermeiden
Wenn du das Risiko durch Kunststoffe vollständig ausschließen möchtest, erwäge ETFs, die Kunststoffhersteller explizit ausschließen. Hier sind drei Optionen:
| ETF | Index | Kunststoffrisiko | Kosten (TER) |
|---|---|---|---|
| iShares Global Clean Energy | S&P Global Clean Energy | Sehr gering | 0,65% |
| Lyxor Green Bond | Bloomberg MSCI Green Bond | Gering | 0,20% |
| Amundi MSCI Europe SRI | MSCI Europe SRI Low Carbon | Mittel | 0,28% |
Wichtig: Auch diese ETFs können indirekte Risiken bergen (z. B. Kredite an Kunststoffhersteller). Überprüfe immer das KID oder das Fondsinformationsblatt.
Häufig gestellte Fragen zu ETFs und Kunststoffabfällen
Können ETFs Kunststoffhersteller enthalten, obwohl sie als „nachhaltig“ beworben werden?
Ja. ETFs bilden Indizes nach, und diese können Unternehmen enthalten, die mit der Kunststoffproduktion verbunden sind, sofern sie andere Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Die Entscheidung trifft der Indexanbieter (wie MSCI oder FTSE Russell), nicht der ETF-Manager.
Wo finde ich die obligatorischen Informationen zu einem ETF?
Im KID (Dokument mit den wichtigsten Informationen für Anleger) oder im Fondsinformationsblatt. Beide Dokumente sind auf der Website des ETF-Anbieters verfügbar und müssen von der CNMV genehmigt werden.
Was kann ich als Anleger tun, um Kunststoffrisiken zu vermeiden?
Überprüfe die Hauptpositionen, die sektorale Verteilung und die Nachhaltigkeitskriterien des ETF. Nutze Tools wie JustETF oder Morningstar, um versteckte Risiken zu identifizieren.
Sind alle ETFs mit ESG- oder Nachhaltigkeitslabels riskant?
Nein. Es gibt ETFs, die Kunststoffhersteller explizit ausschließen, wie solche, die in erneuerbare Energien oder grüne Anleihen investieren. Überprüfe jedoch immer das KID, um dies zu bestätigen.
Fazit: Transparenz existiert – du musst sie nur nutzen
ETFs sind ein mächtiges Instrument für langfristiges Sparen, aber sie sind nicht immer so „grün“, wie sie erscheinen. Die obligatorischen Dokumente (Fondsinformationsblatt und KID) bieten die notwendige Transparenz – doch die meisten Anleger lesen sie nicht. Wenn du Kunststoffrisiken vermeiden möchtest, musst du handeln: Analysiere die Hauptpositionen, prüfe die sektorale Verteilung und wähle gegebenenfalls einen alternativen ETF.
Die gute Nachricht ist, dass es Alternativen gibt. ETFs, die sich auf erneuerbare Energien, grüne Anleihen oder CO₂-arme Indizes konzentrieren, bieten wirklich nachhaltige Optionen ohne versteckte Exposition gegenüber Kunststoffen. Aber denk daran: Lies das KID. Nur so weißt du genau, worin du investierst.
Quellen
- CNMV (2024). Recomendaciones sobre ETFs y riesgos de sostenibilidad. Verfügbar unter: www.cnmv.es (Suche: "ETF sostenibilidad").
- OCU (2023). Inversión sostenible: Riesgos y oportunidades. Verfügbar unter: www.ocu.org.
- Banco de España (2025). Informe de estabilidad financiera. Verfügbar unter: www.bde.es.
- Europäische Kommission (2023). Richtlinie über Einwegkunststoffe (SUPD). Verfügbar unter: ec.europa.eu.
- FTSE Russell (2024). Metodología del índice FTSE4Good. Verfügbar unter: www.ftserussell.com.
- MSCI (2024). Metodología del índice MSCI World ESG Leaders. Verfügbar unter: www.msci.com.
- iShares (2026). iShares MSCI World ESG Enhanced UCITS ETF – KID. Verfügbar unter: www.ishares.com/de.
- Lyxor (2026). Lyxor MSCI World ESG Leaders UCITS ETF – KID. Verfügbar unter: www.lyxoretf.com/de.
- Amundi (2026). Amundi MSCI Europe SRI UCITS ETF – Fondsinformationsblatt. Verfügbar unter: www.amundietf.com/de.
- JustETF (2024). ETF-Vergleichstool. Verfügbar unter: www.justetf.com/de.
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