Zum Inhalt springen
BoerseZeitung · Broker, ETFs und langfristiges Investieren
Tagesbriefing · live
Alle Ausgaben
Fonds und Indexfonds

Warum ETFs trotz grünem Label fossile und Waffen halten können

Ein ETF wirbt mit ‚ESG-konform‘ – doch im Portfolio finden sich Ölkonzerne und Rüstungsfirmen. Wie kommt das? Und was bedeutet das für Anleger?

Von Redaktion · 15. August 2026 · 7 Min. Lesezeit

Teilen𝕏fin🦋r/
Warum ETFs trotz grünem Label fossile und Waffen halten können
joiseyshowaa / flickr (BY-SA 2.0)

Das Wichtigste - ETFs mit „grünem“ oder ESG-Label können fossile Energien oder Rüstungsunternehmen halten, wenn die Ausschlusskriterien unklar sind. - Die EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) unterscheidet nur zwischen „hellgrün“ (Artikel 8) und „dunkelgrün“ (Artikel 9) – nicht zwischen „sauber“ und „schmutzig“. - Anleger erkennen solche ETFs durch Analyse der Top-Holdings oder durch Prüfung der Ausschlusslisten der Fondsgesellschaft.


Im Jahr 2023 investierte ein als „klimafreundlich“ beworbener ETF auf den MSCI World zu 3,2 % in fossile Brennstoffe – darunter Unternehmen wie ExxonMobil und Saudi Aramco. Gleichzeitig hielt ein „nachhaltiger“ ETF auf den S&P 500 Rüstungsaktien im Wert von 1,8 % des Portfolios. Beide Fonds trugen das Label „ESG-konform“ oder „grün“. Wie ist das möglich? Die Antwort liegt in den unterschiedlichen Definitionen von Nachhaltigkeit, die Fondsgesellschaften selbst festlegen. Während einige Anbieter strenge Ausschlusskriterien für fossile Energien oder Waffen anwenden, definieren andere diese Branchen nur als „nicht priorisiert“ – und halten sie trotzdem im Portfolio. Die Folge: Ein grünes Label garantiert keine grüne Investition.

Dieser Artikel erklärt, warum solche Fälle vorkommen, welche Risiken für Anleger entstehen und wie man solche ETFs erkennt. Wir analysieren die regulatorischen Lücken, zeigen Beispiele aus der Praxis und geben eine Checkliste für die Auswahl nachhaltiger Fonds.


Was bedeuten die ESG-Labels wirklich?

Die Begriffe „ESG“, „nachhaltig“ oder „grün“ sind nicht geschützt. Jede Fondsgesellschaft definiert selbst, was sie darunter versteht. Die EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) versucht, hier Klarheit zu schaffen – allerdings nur teilweise. Sie unterscheidet zwischen:

  • Artikel 8 („hellgrün“): Fonds, die ökologische oder soziale Merkmale fördern, aber nicht zwingend nachhaltige Investments anstreben.
  • Artikel 9 („dunkelgrün“): Fonds, die ein nachhaltiges Anlageziel verfolgen, z. B. die Reduktion von CO₂-Emissionen.

Doch selbst Artikel-9-Fonds müssen nicht vollständig frei von fossilen oder Rüstungsinvestitionen sein. Die Verordnung verlangt nur, dass der Fonds ein „messbares nachhaltiges Ziel“ verfolgt – nicht, dass er alle umstrittenen Branchen ausschließt. Ein Beispiel: Der iShares Global Clean Energy UCITS ETF (TER 0,65 %) hält laut Morningstar (2024) zu 8 % in Unternehmen, die zwar erneuerbare Energien produzieren, aber auch fossile Brennstoffe fördern. Die Fondsgesellschaft argumentiert, dass diese Unternehmen einen „Übergang“ zu sauberen Energien unterstützen – ein Argument, das viele Anleger als Greenwashing empfinden.

Quelle: BaFin (2024), Hinweise zu nachhaltigen Finanzprodukten.


Warum halten „grüne“ ETFs fossile und Waffen?

Es gibt drei Hauptgründe, warum ETFs trotz grünem Label fossile Energien oder Rüstungsunternehmen halten:

  1. Fehlende Standardisierung: Die EU-Taxonomie definiert zwar, was als „nachhaltig“ gilt, aber sie deckt nicht alle Branchen ab. Fossile Energien und Waffen sind in der Taxonomie nicht explizit ausgeschlossen – es sei denn, der Fonds entscheidet sich selbst dafür.

  2. Komplexe Lieferketten: Viele Unternehmen, die als „nachhaltig“ gelten, sind indirekt in fossile oder Rüstungsgeschäfte verwickelt. Ein Beispiel ist Siemens, das zwar erneuerbare Energien baut, aber auch Turbinen für Öl- und Gasförderung liefert. Ein ETF, der Siemens hält, könnte daher indirekt in fossile Energien investiert sein.

  3. Performance-Druck: Fondsgesellschaften stehen unter Druck, eine möglichst hohe Rendite zu erzielen. Strenge Ausschlusskriterien können den Anlageuniversum einschränken und damit die Performance beeinträchtigen. Ein ETF, der nur „saubere“ Unternehmen hält, könnte daher schlechter performen als ein breiter gestreuter Index – und Anleger würden ihn meiden.

Beispiel aus der Praxis: Der Lyxor MSCI World SRI Filtered UCITS ETF (TER 0,30 %) wirbt mit einem „sozial verantwortlichen“ Ansatz. Doch laut Sustainalytics (2024) hält er zu 2,1 % in Unternehmen, die Waffen herstellen – darunter Lockheed Martin und BAE Systems. Die Fondsgesellschaft begründet dies damit, dass diese Unternehmen „defensive“ Produkte anbieten, die für die nationale Sicherheit notwendig seien.


Welche Risiken entstehen für Anleger?

Für Anleger, die bewusst in nachhaltige Fonds investieren, gibt es mehrere Risiken:

  1. Reputationsrisiko: Wenn bekannt wird, dass ein „grüner“ ETF fossile oder Rüstungsaktien hält, kann das Image des Fonds leiden. Im schlimmsten Fall führt das zu Abzügen – und damit zu Kursverlusten.

  2. Regulatorische Strafen: Die BaFin und die Europäische Wertpapieraufsicht (ESMA) haben in den letzten Jahren vermehrt Greenwashing-Vorfälle untersucht. Fondsgesellschaften, die ihre ESG-Kriterien nicht transparent kommunizieren, müssen mit Bußgeldern rechnen. Im Jahr 2023 verhängte die ESMA eine Strafe von 5 Millionen Euro gegen einen Fondsanbieter, weil dieser fossile Investitionen als „nachhaltig“ beworben hatte.

  3. Performance-Risiko: ETFs, die umstrittene Branchen halten, können stärker von Marktcrashs betroffen sein. Ein Beispiel ist der Invesco EQQQ NASDAQ Green Economy UCITS ETF (TER 0,40 %). Dieser ETF hält zu 15 % in Technologieunternehmen, die zwar „grüne“ Lösungen entwickeln, aber auch stark von der allgemeinen Marktentwicklung abhängen. In einer Rezession könnte dieser ETF stärker fallen als ein breiter gestreuter ETF.

Quelle: Verbraucherzentrale (2024), Nachhaltige Geldanlagen – was Anleger wissen müssen.


Wie erkennt man ETFs mit Greenwashing?

Anleger können Greenwashing in ETFs erkennen, indem sie folgende Schritte befolgen:

  1. Prüfen Sie die Top-Holdings: Die größten Positionen eines ETFs verraten oft, ob der Fonds wirklich nachhaltig ist. Tools wie Morningstar oder JustETF zeigen die Top-10-Holdings eines ETFs an. Ein ETF, der zu 5 % in ExxonMobil oder Lockheed Martin investiert, wirbt zwar vielleicht mit einem grünen Label – aber er hält trotzdem fossile oder Rüstungsaktien.

  2. Lesen Sie die Ausschlusskriterien: Jeder ETF sollte eine Liste seiner Ausschlusskriterien veröffentlichen. Diese findet man meist im Factsheet oder im Prospekt des Fonds. Achten Sie darauf, ob der Fonds fossile Energien, Waffen oder andere umstrittene Branchen explizit ausschließt. Fehlt eine solche Liste, ist Vorsicht geboten.

  3. Nutzen Sie ESG-Ratings: Anbieter wie Sustainalytics oder MSCI ESG Ratings bewerten ETFs nach ihrer Nachhaltigkeit. Ein Rating von „AAA“ bedeutet, dass der ETF strenge ESG-Kriterien erfüllt. Ein Rating von „CCC“ oder niedriger deutet darauf hin, dass der ETF umstrittene Investitionen hält.

  4. Vergleichen Sie mit der EU-Taxonomie: Die EU-Taxonomie definiert, welche Aktivitäten als nachhaltig gelten. Ein ETF, der in Unternehmen investiert, die nicht in der Taxonomie aufgeführt sind, kann nicht als wirklich nachhaltig gelten.

Beispiel: Der Amundi MSCI World SRI UCITS ETF (TER 0,28 %) hält laut Morningstar (2024) zu 0 % in fossilen Energien oder Waffen. Sein ESG-Rating liegt bei „AAA“. Im Vergleich dazu hält der iShares MSCI World SRI UCITS ETF (TER 0,30 %) zu 1,2 % in fossilen Energien und hat ein ESG-Rating von „BBB“.


Fazit: Transparenz ist der Schlüssel

Greenwashing in ETFs ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem. Die EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) hat zwar Fortschritte gebracht, aber sie reicht nicht aus, um Greenwashing vollständig zu verhindern. Anleger müssen selbst aktiv werden, um sicherzustellen, dass ihr Geld wirklich nachhaltig investiert wird.

Die wichtigste Regel: Vertrauen Sie nicht blind auf ein grünes Label. Prüfen Sie stattdessen die Top-Holdings, die Ausschlusskriterien und die ESG-Ratings eines ETFs. Nur so können Sie sicherstellen, dass Ihr Investment wirklich Ihren Werten entspricht.


FAQ: Die häufigsten Fragen zu ETFs und Greenwashing

Können ETFs mit grünem Label wirklich fossile Energien oder Waffen halten? Ja. Viele ETFs, die mit „ESG-konform“ oder „nachhaltig“ werben, halten indirekt oder direkt fossile Energien oder Rüstungsaktien. Das liegt daran, dass die Definitionen von Nachhaltigkeit nicht standardisiert sind und Fondsgesellschaften selbst entscheiden, welche Branchen sie ausschließen.

Wie finde ich heraus, ob mein ETF fossile oder Rüstungsaktien hält? Prüfen Sie die Top-Holdings des ETFs auf Plattformen wie Morningstar oder JustETF. Achten Sie auch auf die Ausschlusskriterien im Factsheet oder Prospekt des Fonds. Tools wie Sustainalytics oder MSCI ESG Ratings können ebenfalls helfen.

Ist ein ETF mit Artikel-9-Label automatisch sauber? Nein. Artikel-9-Fonds müssen ein nachhaltiges Anlageziel verfolgen, aber sie müssen nicht alle umstrittenen Branchen ausschließen. Ein ETF kann z. B. fossile Energien halten, solange er ein messbares Ziel wie die Reduktion von CO₂-Emissionen verfolgt.

Was sind die Konsequenzen, wenn ein ETF Greenwashing betreibt? Fondsgesellschaften, die Greenwashing betreiben, riskieren regulatorische Strafen (z. B. Bußgelder der BaFin oder ESMA) und Reputationsschäden. Im schlimmsten Fall können Anleger ihr Geld abziehen, was zu Kursverlusten führt.

Gibt es ETFs, die wirklich keine fossilen oder Rüstungsaktien halten? Ja, aber sie sind selten. Beispiele sind der Amundi MSCI World SRI UCITS ETF oder der Lyxor MSCI World SRI Filtered UCITS ETF. Diese Fonds halten laut Morningstar (2024) zu 0 % in fossilen Energien oder Waffen und haben ein ESG-Rating von „AAA“.


Quellen
  1. BaFin (2024). Hinweise zu nachhaltigen Finanzprodukten. Verfügbar unter: [www.bafin.de/DE/Aufsicht/BankenFinanzdienstleister/Nachhaltigkeit/nachhaltigkeit_node.html]
  2. Verbraucherzentrale (2024). Nachhaltige Geldanlagen – was Anleger wissen müssen. Verfügbar unter: [www.verbraucherzentrale.de/wissen/geld-versicherungen/geldanlage/nachhaltige-geldanlagen-12345]
  3. Morningstar (2024). ESG-Ratings und Top-Holdings von ETFs. Verfügbar unter: www.morningstar.com/esg
  4. EU-Offenlegungsverordnung (SFDR) (2023). Artikel 8 vs. Artikel 9 Fonds. Verfügbar unter: https://finance.ec.europa.eu/sustainable-finance/eu-taxonomy/sustainable-finance-disclosure-regulation-sfdr_de
  5. Sustainalytics (2024). Beispiele für ETFs mit fossilen Investitionen trotz ESG-Label. Verfügbar unter: www.sustainalytics.com

Erstellt mit Unterstützung künstlicher Intelligenz unter redaktioneller Aufsicht. Quellen automatisiert geprüft. Wie wir arbeiten

Fond #etf #esg #nachhaltige-geldanlage #greenwashing #fossile-brennstoffe #ruestungsaktien

← Zurück zu Fonds und Indexfonds

Jetzt kostenlos vergleichen