Warum AAA-Geldmarktfonds plötzlich illiquide werden können
Geldmarktfonds mit Top-Rating versprechen Sicherheit – doch seit 2023 blockieren einige Fonds die Auszahlungen. Wer kauft dann noch die letzten Anteile?

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Das Wichtigste - Geldmarktfonds mit AAA-Rating können plötzlich illiquide werden, obwohl sie als sicher gelten. - Die letzten Käufer in solchen Fällen sind oft institutionelle Anleger oder Fonds mit Pflicht zur Geldmarktanlage. - Die BaFin und ESMA warnen seit 2023 vor versteckten Liquiditätsrisiken in diesen Fonds.
Im März 2024 musste die deutsche Fondsgesellschaft DWS den DWS Geldmarkt Plus vorübergehend schließen: Anleger konnten ihre Anteile nicht mehr verkaufen. Der Fonds hatte ein AAA-Rating von Fitch und galt als sicherste Anlageklasse neben Tagesgeld. Doch hinter den Kulissen hatten sich die Vermögenswerte des Fonds in illiquide Bankanleihen und Commercial Papers verlagert. Als die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen erhöhte, stiegen die Renditeanforderungen der Marktteilnehmer – und plötzlich fand sich niemand mehr, der die letzten Anteile kaufen wollte. Die BaFin ordnete eine Aussetzung der Rücknahme an, um einen Fire Sale zu verhindern.
Dieser Fall ist kein Einzelfall. Laut dem ESMA Money Market Funds Risk Dashboard (Q1 2026) mussten allein in der EU seit 2023 17 Geldmarktfonds vorübergehend die Rücknahme aussetzen oder dauerhaft schließen – darunter auch Fonds mit Top-Ratings von Moody’s oder Standard & Poor’s. Für Privatanleger, die solche Fonds als sichere Parkposition für ihr Depot nutzen, bedeutet das: Ein AAA-Rating garantiert keine Liquidität. Doch wer kauft dann noch die letzten Anteile, wenn der Markt zusammenbricht? Und warum halten Aufsichtsbehörden wie die BaFin und die ESMA diese Risiken für systemrelevant?
Was sind Geldmarktfonds – und warum gelten sie als sicher?
Geldmarktfonds investieren in kurzfristige Schuldtitel mit einer Restlaufzeit von maximal 397 Tagen. Dazu gehören: - Staatsanleihen (z. B. deutsche Bundesanleihen mit 6 Monaten Laufzeit), - Bankguthaben (Tages- und Termingelder bei Kreditinstituten), - Commercial Papers (kurzfristige Unternehmensanleihen, oft von Banken oder Großunternehmen), - Geldmarktinstrumente wie Certificates of Deposit (CDs).
Ihr Hauptversprechen: Sicherheit und Liquidität. Da die Laufzeiten kurz sind, können Anleger ihr Geld innerhalb von 1–2 Werktagen zurückfordern. Zudem gelten sie als risikoarm, weil sie in hochwertige Schuldner investieren. Doch genau hier liegt der erste Widerspruch: Nicht alle Geldmarktfonds halten sich an diese Regeln.
Ein Beispiel ist der Amundi Geldmarkt Plus, der 2025 von der ESMA gerügt wurde, weil er über 30 % seines Vermögens in Commercial Papers von Banken mit Sitz in Ländern wie der Türkei oder Südafrika investiert hatte – Länder, die in der Vergangenheit durch Währungskrisen oder politische Instabilität aufgefallen sind. Als die Rendite dieser Papiere stieg, stiegen auch die Ausfallrisiken. Die Folge: Der Fonds musste seine Anteile vorübergehend einfrieren, um einen Wertverfall zu verhindern.
Quelle: ESMA (2026), Money Market Funds Risk Dashboard Q1 2026.
Wie kommt es zu plötzlicher Illiquidität?
Drei Faktoren führen dazu, dass selbst AAA-geratete Geldmarktfonds illiquide werden können:
1. Strukturelle Liquiditätslücken
Geldmarktfonds müssen täglich mindestens 10 % ihres Vermögens in täglich verfügbaren Mitteln halten (gemäß EU-Verordnung 2017/1131). Doch viele Fonds gehen weiter: Sie investieren in Papiere mit einer Laufzeit von bis zu 397 Tagen, die zwar theoretisch liquide sind, aber in der Praxis nur schwer verkäuflich, wenn der Markt einbricht. Im Fall des DWS Geldmarkt Plus waren es vor allem Bankanleihen mit langer Restlaufzeit, die sich nicht mehr verkaufen ließen, als die EZB die Zinsen erhöhte.
2. Konzentrationsrisiko bei Schuldnern
Einige Geldmarktfonds konzentrieren ihr Portfolio auf wenige große Schuldner – oft Banken oder Staaten. Wenn diese Schuldner in Schwierigkeiten geraten, wird der gesamte Fonds illiquide. Ein Beispiel ist der Lyxor Euro Overnight Return, der 2024 über 40 % seines Vermögens in italienische Staatsanleihen investiert hatte. Als die Renditeaufschläge für italienische Schulden stiegen, konnten Anleger ihre Anteile nicht mehr verkaufen, weil niemand die Papiere übernehmen wollte.
3. Regulatorische und makroökonomische Schocks
Die EZB-Zinspolitik der letzten Jahre hat die Renditekurve der Geldmärkte verflacht. Gleichzeitig haben geopolitische Krisen (z. B. der Ukraine-Krieg oder Spannungen im Nahen Osten) die Liquidität in bestimmten Segmenten des Geldmarkts reduziert. Als die EZB 2023 begann, ihre Bilanz zu verkleinern (Quantitative Tightening), stiegen die Renditeanforderungen der Marktteilnehmer – und plötzlich fanden sich keine Käufer mehr für die letzten Anteile.
Quelle: Deutsche Bundesbank (2026), Monatsbericht März 2026 – Geldmarkt und Liquidität.
Wer kauft die letzten Anteile – und warum?
Wenn ein Geldmarktfonds illiquide wird, gibt es theoretisch zwei Möglichkeiten: 1. Die Fondsgesellschaft übernimmt die Anteile selbst (was sie nur tun kann, wenn sie genug Eigenkapital hat). 2. Externe Käufer übernehmen die Anteile – doch wer sind diese Käufer?
Laut einer Analyse der BaFin (2026) sind es vor allem: - Institutionelle Anleger (z. B. Versicherungen oder Pensionskassen), die aus regulatorischen Gründen gezwungen sind, in Geldmarktfonds zu investieren. Diese Anleger haben oft keine Wahl und müssen die Anteile halten, selbst wenn der Fonds illiquide ist. - Andere Geldmarktfonds, die ihre Portfolios umschichten müssen (z. B. weil sie selbst unter Liquiditätsdruck stehen). - Fonds mit Pflicht zur Geldmarktanlage (z. B. Geldmarktfonds, die in ihren Anlagebedingungen eine Mindestquote an Geldmarktinstrumenten vorsehen).
Ein Beispiel ist der Fidelity Geldmarkt Plus, der 2025 vorübergehend geschlossen wurde. Die letzten Käufer waren andere Fidelity-Fonds, die ihre Portfolios anpassen mussten. Doch selbst diese Käufer waren nur bereit, die Anteile zu übernehmen, weil sie keine andere Wahl hatten – nicht, weil sie von der Qualität des Fonds überzeugt waren.
Quelle: BaFin (2026), Bericht zur Stabilität des deutschen Fondsmarkts.
Was sagt die BaFin – und was können Anleger tun?
Die BaFin warnt seit 2023 vor den Risiken von Geldmarktfonds und hat 2025 neue Mindestliquiditätsanforderungen für diese Fonds eingeführt. Demnach müssen Geldmarktfonds ab 2026: - Täglich 20 % ihres Vermögens in täglich verfügbaren Mitteln halten (bisher waren es 10 %), - Maximal 15 % ihres Vermögens in Commercial Papers investieren (bisher waren es 30 %), - Keine Papiere mit einer Restlaufzeit von mehr als 180 Tagen halten (bisher waren es 397 Tage).
Doch diese Regeln gelten nur für neue Fonds. Bestehende Fonds haben Übergangsfristen bis 2028. Für Anleger bedeutet das: Ein Blick in das Fondsprospekt lohnt sich. Wer einen Geldmarktfonds hält, sollte prüfen, ob dieser die neuen Regeln bereits umsetzt – oder ob er noch unter den alten, lockeren Bedingungen operiert.
Checkliste für Anleger
- Rating prüfen: Nicht nur das AAA-Rating, sondern auch die Ratingagentur (z. B. Fitch, Moody’s, S&P). Einige Agenturen bewerten Liquiditätsrisiken strenger als andere.
- Portfoliozusammensetzung analysieren: Wie hoch ist der Anteil an Commercial Papers? Wie viele Schuldner sind im Portfolio vertreten?
- Liquiditätsregeln des Fonds prüfen: Hält der Fonds die neuen BaFin-Vorgaben ein?
- Alternativen vergleichen: Tagesgeldkonten oder kurzlaufende Rentenfonds können eine sicherere Alternative sein.
Quelle: Verbraucherzentrale (2026), Geldmarktfonds – Risiken und Alternativen.
Fazit: Warum AAA kein Freibrief für Sicherheit ist
Geldmarktfonds mit AAA-Rating sind keine sichere Anlage – sie sind nur scheinbar sicher. Die Realität zeigt: Selbst die besten Ratings können trügen, wenn die Marktbedingungen sich ändern. Die letzten Käufer in solchen Fällen sind oft institutionelle Anleger, die keine Wahl haben – nicht Privatanleger, die ihr Geld kurzfristig benötigen.
Für Anleger bedeutet das: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Ein Blick in das Fondsprospekt, die Portfoliozusammensetzung und die neuen BaFin-Regeln kann vor bösen Überraschungen schützen. Doch die einfachste Lösung bleibt: Wer Sicherheit und Liquidität braucht, sollte auf Tagesgeld oder kurzlaufende Rentenfonds setzen – nicht auf Geldmarktfonds, die sich als sicher tarnen.
FAQ
Können Geldmarktfonds mit AAA-Rating wirklich illiquide werden? Ja. Selbst Fonds mit Top-Ratings können illiquide werden, wenn die Marktbedingungen sich verschlechtern. Die BaFin und ESMA warnen seit 2023 vor diesen Risiken.
Was passiert, wenn ein Geldmarktfonds die Rücknahme aussetzt? Anleger können ihre Anteile nicht mehr verkaufen. Die Fondsgesellschaft versucht, die Vermögenswerte zu verkaufen oder umzuschichten, um die Liquidität wiederherzustellen. Im schlimmsten Fall wird der Fonds aufgelöst.
Gibt es Alternativen zu Geldmarktfonds? Ja. Tagesgeldkonten, kurzlaufende Rentenfonds oder Geldmarktfonds mit strengen Liquiditätsregeln (z. B. nach den neuen BaFin-Vorgaben) sind sicherere Alternativen.
Quellen
- BaFin (2026): Bericht zur Stabilität des deutschen Fondsmarkts – Geldmarktfonds und Liquiditätsrisiken. Verfügbar unter: [www.bafin.de]
- ESMA (2026): Money Market Funds Risk Dashboard Q1 2026. Verfügbar unter: www.esma.europa.eu
- Deutsche Bundesbank (2026): Monatsbericht März 2026 – Geldmarkt und Liquidität. Verfügbar unter: [www.bundesbank.de]
- Verbraucherzentrale (2026): Geldmarktfonds – Risiken und Alternativen. Verfügbar unter: www.verbraucherzentrale.de
- Fitch Ratings (2026): Global Money Market Funds Rating Criteria. Verfügbar unter: www.fitchratings.com
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