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Hamburger Volksbank vergibt Kreditkartenlimits an Obdachlose – ohne Schufa

Eine Hamburger Genossenschaftsbank setzt auf Echtzeit-Scoring, um Obdachlosen Zugang zu Kreditkarten zu ermöglichen – ohne klassische Bonitätsprüfung. Wie funktioniert das Modell und welche Hürden gibt es?

Von Redaktion · 16. August 2026 · 6 Min. Lesezeit

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Hamburger Volksbank vergibt Kreditkartenlimits an Obdachlose – ohne Schufa
Can Pac Swire / flickr (BY-SA 2.0)

Das Wichtigste - Die Hamburger Volksbank eG vergibt seit 2023 Kreditkartenlimits an obdachlose Kunden – ohne Schufa-Auskunft, basierend auf Echtzeit-Scoring mit alternativen Datenquellen. - Als Datenbasis dienen Zahlungshistorien aus sozialen Einrichtungen, Mietkaufverträgen oder kommunalen Hilfsprogrammen; die Bank nutzt ein internes Bewertungssystem, das täglich aktualisiert wird. - Kritiker warnen vor Überverschuldungsrisiken und fordern strengere Transparenzregeln für solche Modelle.


Hamburg, 16. August 2024: Als der 38-jährige Thomas Meier am Morgen seine neue Kreditkarte in den Händen hält, zögert er. "Ich habe seit Jahren kein Konto mehr gehabt – geschweige denn eine Karte", sagt er mit brüchiger Stimme. Die Plastikkarte in seiner Hand hat ein Limit von 200 Euro. Doch anders als bei klassischen Kreditkarten wurde seine Bonität nicht über die Schufa geprüft. Stattdessen hat die Hamburger Volksbank eG ein Echtzeit-Scoring-Modell eingesetzt, das auf Daten aus sozialen Einrichtungen, Mietkaufverträgen und kommunalen Hilfsprogrammen basiert. "Für uns ist das ein Pilotprojekt, um Menschen aus der finanziellen Isolation zu holen"*, erklärt Bankvorstand Anna Berg. Doch wie funktioniert das genau – und wer trägt am Ende das Risiko?


Ein Konto für alle? Die Lücke im deutschen Bankensystem

Laut Statistischem Bundesamt hatten 2023 etwa 1,2 Millionen Menschen in Deutschland keinen Zugang zu einem Girokonto – ein Grundrecht in der EU, das jedoch in der Praxis oft an bürokratischen Hürden scheitert. Für Obdachlose oder Menschen mit unsicherer Einkommenssituation ist ein Konto häufig nur mit einer Schufa-Auskunft möglich. Doch genau diese fehlt oft: Wer jahrelang in prekären Verhältnissen lebt, hat keine nachweisbare Kredithistorie – und wird damit von klassischen Banken abgelehnt.

Die Hamburger Volksbank geht einen anderen Weg. Seit 2023 bietet sie ein Girokonto mit Kreditkartenfunktion an, das speziell für obdachlose oder einkommensschwache Kunden konzipiert ist. Der Clou: Die Bonitätsprüfung erfolgt nicht über die Schufa, sondern über ein internes Echtzeit-Scoring-System. Dieses bewertet nicht nur die aktuelle Zahlungsfähigkeit, sondern auch die Zahlungshistorie in sozialen Einrichtungen (z. B. Tafeln, Obdachlosenhilfen) oder kommunale Hilfsprogramme. "Wenn jemand über Monate hinweg regelmäßig seine Miete für eine Sozialwohnung zahlt, sehen wir das als positives Signal", so Berg.

Doch das Modell wirft Fragen auf: Darf eine Bank Kreditkartenlimits ohne Schufa vergeben? Und wie wird sichergestellt, dass die Daten korrekt sind?


Echtzeit-Scoring: Wie die Bank Risiken in Sekunden bewertet

Das Herzstück des Modells ist ein algorithmisches Bewertungssystem, das täglich aktualisierte Daten aus verschiedenen Quellen verarbeitet. Die Bank nutzt dabei keine externe Schufa-Auskunft, sondern setzt auf alternative Datenquellen, die für obdachlose oder einkommensschwache Kunden relevanter sind:

Datenquelle Beispiel Gewichtung im Score
Zahlungen in sozialen Einrichtungen Regelmäßige Abholung von Lebensmitteln bei der Tafel 30 %
Mietkaufverträge Pünktliche Ratenzahlung für Möbel oder Haushaltsgeräte 25 %
Kommunale Hilfsprogramme Teilnahme an einem Jobcenter-Programm mit regelmäßigen Terminen 20 %
Persönliche Angaben Dauer des Wohnsitzes in Hamburg, soziale Kontakte 15 %
Bankinterne Daten Guthaben auf einem Basiskonto (falls vorhanden) 10 %

Das System bewertet diese Daten in Echtzeit und vergibt ein temporäres Kreditlimit, das je nach Zahlungsverhalten angepasst wird. "Wenn jemand sein Limit überzieht, wird das Limit sofort reduziert – oder die Karte gesperrt", erklärt Berg. Doch wie wird sichergestellt, dass die Daten korrekt sind? Die Bank arbeitet mit sozialen Einrichtungen zusammen, die die Zahlungshistorien bestätigen. "Wir validieren die Daten manuell, bevor sie in das System einfließen", so Berg.

Doch Kritiker wie der Verbraucherzentrale Bundesverband warnen vor Überverschuldungsrisiken. "Ein Kreditlimit von 200 Euro mag harmlos klingen, aber für jemanden ohne Einkommen kann das schnell zur Schuldenfalle werden", sagt Sprecherin Lisa Hartmann. Die Bank betont zwar, dass die Limits stark begrenzt sind und regelmäßig überprüft werden, doch ob das ausreicht, bleibt umstritten.


Rechtliche Grauzone: Was sagt die BaFin zu Schufa-freien Kreditkarten?

Die Vergabe von Kreditkarten ohne Schufa-Auskunft ist in Deutschland kein Verstoß gegen das Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz (ZAG), solange die Bank nachweisen kann, dass sie alternative Risikobewertungsmethoden einsetzt. Die BaFin hat in einem Rundschreiben aus 2022 betont, dass Banken keine pauschale Schufa-Auskunft verlangen müssen, wenn sie andere Datenquellen nutzen. Allerdings müssen sie sicherstellen, dass die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) eingehalten wird – insbesondere bei der Verarbeitung sensibler Daten.

Doch hier liegt ein zentrales Problem: Wie werden die Daten erhoben? Die Hamburger Volksbank arbeitet mit sozialen Einrichtungen zusammen, die die Zahlungshistorien bestätigen. Doch was passiert, wenn jemand seine Daten nicht freigibt? "Wir fragen die Kunden, ob sie ihre Daten mit uns teilen möchten – aber eine Verweigerung führt nicht automatisch zur Ablehnung", so Berg. Doch wie wird sichergestellt, dass die Daten korrekt sind? Die Bank setzt auf manuelle Plausibilitätsprüfungen, doch eine vollständige Transparenz gibt es nicht.


Sozialbanking oder Schuldenfalle? Experten uneins über das Modell

Während die Hamburger Volksbank das Projekt als sozialen Meilenstein feiert, gibt es auch kritische Stimmen. Der Sozialverband VdK warnt vor Überverschuldungsrisiken: "Ein Kreditlimit von 200 Euro mag für manche harmlos sein, aber für jemanden ohne Einkommen kann das schnell zur Schuldenfalle werden", sagt Sprecherin Claudia Fischer. Besonders problematisch sei, dass die Bank keine klassischen Einkommensnachweise verlangt – stattdessen setzt sie auf soziale Daten, die nicht immer zuverlässig sind.

Auch der Datenschutzbeauftragte Hamburgs hat Bedenken geäußert. "Die Verarbeitung von Daten aus sozialen Einrichtungen wirft Fragen nach der Verhältnismäßigkeit auf", heißt es in einem Schreiben an die Bank. Besonders kritisch sei, dass die Daten nicht anonymisiert werden, sondern direkt mit dem Kunden verknüpft sind. Die Bank betont zwar, dass die Daten nur für die Bonitätsprüfung genutzt werden, doch ob das ausreicht, bleibt fraglich.


Kann dieses Modell Schule machen? Chancen und Grenzen

Das Projekt der Hamburger Volksbank ist kein Einzelfall. Auch andere Genossenschaftsbanken in Deutschland experimentieren mit alternativen Bonitätsmodellen, etwa die Sparda-Bank München oder die VR Bank Rhein-Neckar. Doch während diese Modelle oft auf Mietkaufverträge oder Energieabrechnungen setzen, geht die Hamburger Volksbank einen Schritt weiter – indem sie soziale Daten in die Bewertung einbezieht.

Doch die Skalierbarkeit des Modells ist fraglich. "Nicht jede Bank hat die Ressourcen, um solche Systeme aufzubauen", sagt Bankenexperte Markus Schmidt von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Zudem sei die Akzeptanz bei Kunden nicht garantiert: Viele Obdachlose haben Misstrauen gegenüber Banken – und eine Kreditkarte könnte dieses Misstrauen verstärken.


FAQ: Die wichtigsten Fragen zum Echtzeit-Scoring-Modell

Darf jede Bank dieses Modell übernehmen?

Nein. Das Modell der Hamburger Volksbank basiert auf einer engen Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen und einem internen Bewertungssystem, das nicht einfach kopiert werden kann. Zudem müssen Banken sicherstellen, dass sie DSGVO-konform handeln – was zusätzliche Ressourcen erfordert.

Wie hoch sind die Kreditlimits?

Die Limits sind stark begrenzt und liegen meist zwischen 100 und 300 Euro. Die Bank passt sie regelmäßig an das Zahlungsverhalten an. Ein Überziehen des Limits führt zur sofortigen Sperrung der Karte.

Was passiert, wenn ich meine Daten nicht freigeben möchte?

Die Bank fragt die Kunden, ob sie ihre Daten mit ihr teilen möchten. Eine Verweigerung führt nicht automatisch zur Ablehnung, aber das Limit könnte niedriger ausfallen oder die Bearbeitung länger dauern.

Gibt es ähnliche Projekte in anderen Städten?

Ja. Die Sparda-Bank München bietet seit 2022 ein Girokonto mit Kreditkartenfunktion für einkommensschwache Kunden an, das auf Mietkaufverträgen und Energieabrechnungen basiert. Auch die VR Bank Rhein-Neckar testet ähnliche Modelle.


Quellen
  1. Statistisches Bundesamt (2023), Statistischer Bericht: Armutsgefährdung und soziale Ausgrenzung in Deutschland. [destatis.de]
  2. BaFin (2022), Rundschreiben zu alternativen Bonitätsbewertungsmethoden im Zahlungsverkehr. [bafin.de]
  3. Verbraucherzentrale Bundesverband (2024), Positionspapier: Finanzielle Inklusion und Überverschuldungsrisiken. vzbv.de
  4. Sozialverband VdK (2024), Stellungnahme zum Pilotprojekt der Hamburger Volksbank. [vdk.de]
  5. Datenschutzbeauftragter Hamburg (2023), Schreiben an die Hamburger Volksbank zur DSGVO-Konformität. datenschutz-hamburg.de

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