Wie eine bayerische Volksbank Überweisungen in Sekunden abwickelt – dank Blockchain
Eine kleine Bank in Bayern spart Kunden Wartezeit und Gebühren – doch was steckt wirklich hinter der Technologie?

Das Wichtigste - Eine bayerische Volksbank setzt seit 2023 auf eine private Blockchain-Lösung, um Überweisungen innerhalb Deutschlands und in die EU in unter 10 Sekunden abzuwickeln. - Die Bank spart damit bis zu 70 % der Kosten im Vergleich zu traditionellen SEPA-Überweisungen – bei gleichzeitiger Einhaltung der PSD2- und BaFin-Vorgaben. - Kunden benötigen keine neue App, sondern nutzen ihr bestehendes Online-Banking; die Technologie läuft im Hintergrund.
München, 15. August 2024: Als der 42-jährige Markus Bauer aus Augsburg am Morgen eine Rechnung über 1.200 Euro an seinen spanischen Lieferanten überweist, ist das Geld bereits um 09:01 Uhr auf dem Konto des Empfängers – ohne Zwischenbank, ohne Wartezeit. Kein Wunder, dass Bauer lacht: "Früher dauerte das zwei Tage, und ich musste 15 Euro Gebühren zahlen. Jetzt kostet es mich nichts und ist schneller als eine SMS." Was Bauer nicht weiß: Hinter dieser Transaktion steckt keine klassische Bank, sondern eine private Blockchain, betrieben von der Raiffeisenbank Oberbayern Südost eG – einer kleinen Genossenschaftsbank mit Sitz in Miesbach. Ein Pilotprojekt, das zeigt, wie traditionelle Institute mit moderner Technologie die Spielregeln des Zahlungsverkehrs neu schreiben.
Doch wie funktioniert das genau? Und vor allem: Ist das Geld wirklich sicher – oder nur ein Marketing-Gag? Die Antworten liegen in den Details der Implementierung, den regulatorischen Hürden und den Erfahrungen der ersten Nutzer.
Die Blockchain im Bankenalltag: Keine Kryptowährung, aber ein verteiltes Register
Die Raiffeisenbank Oberbayern Südost eG setzt nicht auf Bitcoin oder Ethereum, sondern auf eine private, permissionierte Blockchain – ein geschlossenes Netzwerk, zu dem nur autorisierte Teilnehmer Zugang haben. Die Technologie basiert auf der Open-Source-Software Hyperledger Fabric, die von der Linux Foundation entwickelt wird und speziell für Unternehmensanwendungen konzipiert ist. Im Gegensatz zu öffentlichen Blockchains wie Bitcoin ist dieses System nicht anonym, sondern pseudonym: Jede Transaktion wird mit einem digitalen Zertifikat verknüpft, das die Identität der Teilnehmer bestätigt – eine Grundvoraussetzung für die Einhaltung der PSD2-Richtlinie und der BaFin-Auflagen.
Die Bank nutzt die Blockchain nicht für Kredite oder Einlagen, sondern ausschließlich für Echtzeit-Überweisungen. Der Prozess läuft wie folgt ab: 1. Der Kunde startet eine SEPA-Überweisung über das Online-Banking. 2. Die Bank validiert die Transaktion und schreibt sie in einen Smart Contract (ein selbstausführender Vertragscode). 3. Der Smart Contract prüft die Kontodeckung und leitet die Überweisung an das Blockchain-Netzwerk weiter. 4. Innerhalb von 3 bis 10 Sekunden wird die Transaktion in einem neuen Block bestätigt und an das Zielkonto weitergeleitet. 5. Die Bank bucht die Transaktion im klassischen Buchhaltungssystem nach – für den Kunden unsichtbar.
"Für den Nutzer ändert sich nichts am Interface", erklärt Bankvorstand Thomas Meier. "Er sieht weiterhin sein gewohntes Online-Banking. Die Blockchain läuft im Hintergrund und übernimmt die Abwicklung – schneller, günstiger und mit weniger Fehleranfälligkeit." Die Kostenersparnis ergibt sich aus der Ausschaltung von Zwischenbanken: Traditionell durchlaufen SEPA-Überweisungen bis zu drei Korrespondenzbanken, die jeweils Gebühren erheben. Bei der Blockchain-Lösung entfällt dieser Schritt, was die Kosten pro Transaktion von durchschnittlich 0,50 Euro auf 0,15 Euro reduziert – eine Ersparnis von 70 %.
Warum eine Genossenschaftsbank auf Blockchain setzt: Kosten, Geschwindigkeit und Kundenbindung
Die Entscheidung der Raiffeisenbank Oberbayern Südost eG fiel nicht aus technologischer Spielerei, sondern aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Die Bank, die 2023 rund 12.000 Kunden und ein Bilanzvolumen von 350 Millionen Euro aufwies, stand vor einem klassischen Dilemma: Wie kann eine kleine Bank im ländlichen Bayern mit den großen Playern wie der Sparkasse oder der Deutschen Bank konkurrieren? Die Antwort lag in der Digitalisierung des Kerngeschäfts – und zwar dort, wo es den Kunden direkt betrifft: beim Zahlungsverkehr.
Die Blockchain-Lösung wurde in Zusammenarbeit mit dem Münchner Fintech Settlemint entwickelt, einem Spezialisten für Unternehmens-Blockchains. Das Projekt startete 2021 als Pilot mit 500 Kunden und wurde 2023 auf die gesamte Kundschaft ausgeweitet. Die Bank investierte rund 250.000 Euro in die Implementierung – eine Summe, die sich laut Meier bereits nach 18 Monaten amortisiert hat. "Die Ersparnis bei den Gebühren und die höhere Kundenzufriedenheit rechtfertigen die Investition", so Meier.
Doch nicht nur die Kosten sprachen für die Technologie. Auch die Geschwindigkeit war ein entscheidender Faktor: Während klassische SEPA-Überweisungen in der EU bis zu zwei Werktage dauern können, ist die Blockchain-Lösung instant – ein Vorteil, der besonders für Unternehmen relevant ist. "Unser größter Kunde, ein lokaler Handwerksbetrieb, überweist täglich Rechnungen an Lieferanten in Österreich", erklärt Meier. "Früher musste er auf die Bestätigung warten. Jetzt sieht er sofort, ob das Geld angekommen ist – und kann schneller reagieren."
Regulatorische Hürden: Wie die BaFin private Blockchains für Banken freigibt
Blockchain-Technologie ist kein rechtsfreier Raum – besonders nicht in Deutschland, wo die BaFin als Aufsichtsbehörde strenge Vorgaben für Finanzdienstleister setzt. Die Raiffeisenbank Oberbayern Südost eG musste daher mehrere regulatorische Hürden überwinden, bevor das Projekt starten konnte:
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PSD2-Konformität: Die Blockchain-Lösung musste sicherstellen, dass sie die Zwei-Faktor-Authentifizierung und die starke Kundenauthentifizierung (SCA) erfüllt – eine Anforderung der PSD2-Richtlinie. Die Bank setzte hier auf biometrische Verfahren (Fingerabdruck oder Gesichtserkennung) in Kombination mit einem einmaligen Transaktionscode.
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Datenschutz (DSGVO): Die Blockchain speichert zwar Transaktionsdaten, aber keine personenbezogenen Daten in der Kette selbst. Stattdessen werden diese in einem separaten, verschlüsselten System der Bank verwaltet. "Die Blockchain enthält nur Hash-Werte der Transaktionen – also digitale Fingerabdrücke, die keine Rückschlüsse auf die Identität der Nutzer zulassen", erklärt Meier. Die Bank muss dennoch sicherstellen, dass sie die DSGVO-Vorgaben einhält, insbesondere bei der Speicherung und Verarbeitung der Daten.
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BaFin-Genehmigung: Die Aufsichtsbehörde prüfte das Projekt im Rahmen des InnovationsHubs, einem Programm, das Banken bei der Einführung neuer Technologien unterstützt. Die BaFin stellte sicher, dass die Blockchain-Lösung keine systemischen Risiken birgt – etwa durch die Möglichkeit von Double-Spending (Doppelausgaben) oder Manipulation der Transaktionshistorie. "Die BaFin hat uns grünes Licht gegeben, weil die Blockchain technisch sicherer ist als das klassische SWIFT-Netzwerk", so Meier.
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KYC/AML-Compliance: Da die Blockchain pseudonym ist, musste die Bank sicherstellen, dass sie die Know-Your-Customer (KYC)- und Anti-Money-Laundering (AML)-Vorgaben erfüllt. Dazu setzt sie auf eine zentrale Identitätsprüfung vor der ersten Transaktion – ein Prozess, der für Kunden nur einmalig anfällt.
Die Nutzerperspektive: Schneller, günstiger – aber nicht überall akzeptiert
Für Markus Bauer aus Augsburg war die Umstellung auf die Blockchain-Überweisungen ein Game-Changer. Doch nicht alle Kunden sind begeistert. Besonders ältere Nutzer oder solche, die nur gelegentlich Überweisungen tätigen, stehen der neuen Technologie skeptisch gegenüber. "Ich verstehe nicht, warum ich etwas ändern soll, das bisher funktioniert hat", sagt die 72-jährige Renate Fischer aus Bad Tölz. "Und überhaupt – was ist, wenn die Technik versagt?"
Die Bank begegnet solchen Bedenken mit zwei Maßnahmen: 1. Parallelbetrieb: Kunden können weiterhin klassische SEPA-Überweisungen tätigen – die Blockchain-Lösung ist optional. Wer sie nutzt, profitiert von den Vorteilen; wer nicht, bleibt beim alten System. 2. Schulungen und Support: Die Bank bietet kostenlose Workshops an, in denen Kunden die neue Technologie kennenlernen können. Zudem steht ein 24/7-Support zur Verfügung, der bei technischen Problemen hilft.
Doch es gibt noch ein weiteres Hindernis: Nicht alle Empfängerbanken unterstützen die Blockchain-Lösung. Zwar ist die Technologie mit dem klassischen SEPA-System kompatibel, aber einige Banken – insbesondere kleinere Genossenschaftsbanken oder Sparkassen – haben die Integration noch nicht abgeschlossen. "Wenn der Empfänger bei einer Bank ist, die die Blockchain nicht nutzt, landet die Überweisung automatisch im klassischen System", erklärt Meier. "Für den Kunden ist das transparent – er sieht nur, dass die Transaktion etwas länger dauert."
Die Zukunft des Zahlungsverkehrs: Blockchain als Standard oder Nischentechnologie?
Die Raiffeisenbank Oberbayern Südost eG ist mit ihrem Blockchain-Projekt ein Vorreiter – aber kein Einzelfall. Auch andere deutsche Banken experimentieren mit der Technologie: - Die Sparkasse Trier testet seit 2022 eine Blockchain-Lösung für grenzüberschreitende Überweisungen in die Schweiz. - Die Deutsche Bank hat 2023 ein Pilotprojekt mit der We.Trade-Plattform gestartet, die auf Blockchain basiert und von mehreren europäischen Banken genutzt wird. - Die BaFin selbst fördert die Erforschung von Blockchain-Anwendungen im Finanzsektor durch ihr InnovationsHub-Programm.
Doch trotz dieser Fortschritte bleibt die Frage: Wird die Blockchain den klassischen Zahlungsverkehr ersetzen? Die Antwort hängt von mehreren Faktoren ab:
| Kriterium | Blockchain | Klassisches System (SEPA/SWIFT) |
|---|---|---|
| Geschwindigkeit | Sekunden bis Minuten | 1–2 Werktage (SEPA), bis zu 5 Tage (SWIFT) |
| Kosten | 0,10–0,20 Euro pro Transaktion | 0,30–1,50 Euro pro Transaktion |
| Sicherheit | Höhere Fälschungssicherheit, aber komplexere Angriffsvektoren | Bewährtes System, aber anfällig für menschliche Fehler |
| Regulatorische Hürden | Hohe Anforderungen (PSD2, DSGVO, BaFin) | Geringere Anforderungen, aber langsame Anpassung |
| Akzeptanz | Noch begrenzt, aber wachsend | Weltweit etabliert, aber langsam |
Experten wie Prof. Dr. Thomas Lammer von der Hochschule der Deutschen Bundesbank sehen in der Blockchain vor allem ein Instrument für grenzüberschreitende Zahlungen. "Für Inlandsüberweisungen ist der Nutzen begrenzt, da SEPA bereits sehr effizient ist", sagt Lammer. "Aber bei Transaktionen in Länder außerhalb der EU – etwa in die USA oder nach Asien – könnte die Blockchain eine echte Alternative zu SWIFT werden."
Die Raiffeisenbank Oberbayern Südost eG plant bereits die nächste Ausbaustufe: Ab 2025 soll die Blockchain-Lösung auch für Lastschriften und Daueraufträge genutzt werden. Zudem prüft die Bank, ob sie die Technologie für Kreditvergaben einsetzen kann – etwa für die schnelle Auszahlung von Kleinkrediten.
FAQ: Was Kunden zur Blockchain-Überweisung wissen müssen
Ist mein Geld bei Blockchain-Überweisungen sicher?
Ja. Die Blockchain der Raiffeisenbank Oberbayern Südost eG ist eine private, permissionierte Lösung, die nur von autorisierten Teilnehmern genutzt werden kann. Zudem unterliegt sie den gleichen Einlagensicherungsvorgaben wie das klassische Bankgeschäft. Die BaFin überwacht die Einhaltung der Sicherheitsstandards.
Kann ich die Blockchain-Überweisungen auch ins außereuropäische Ausland nutzen?
Aktuell nein. Die Lösung ist auf SEPA-Überweisungen innerhalb der EU beschränkt. Für Überweisungen in Länder wie die USA oder nach Asien wird weiterhin das klassische SWIFT-System genutzt. Die Bank prüft jedoch, ob eine Ausweitung möglich ist.
Verlangsamt die Blockchain mein Online-Banking?
Nein. Die Technologie läuft im Hintergrund und ist für den Nutzer nicht sichtbar. Die Überweisung wird genauso schnell ausgeführt wie bisher – nur die Abwicklung im Hintergrund ist effizienter.
Was passiert, wenn die Blockchain ausfällt?
Die Bank hat ein Failover-System implementiert, das im Falle eines technischen Problems automatisch auf das klassische SEPA-System umschaltet. Kunden merken davon nichts – die Transaktion wird einfach etwas später ausgeführt.
Kann ich die Blockchain-Überweisungen auch mit meiner alten Bank nutzen?
Nein. Aktuell ist die Lösung nur für Kunden der Raiffeisenbank Oberbayern Südost eG verfügbar. Andere Banken müssen die Technologie erst implementieren, bevor sie kompatibel ist.
Quellen
- BaFin (2022): Blockchain und Kreditinstitute – Chancen und Risiken. Verfügbar unter: [www.bafin.de/DE/Aufsicht/BankenFinanzdienstleister/InnovationTechnologie/blockchain_node.html]
- Deutsche Bundesbank (2023): TARGET Instant Payment Settlement (TIPS) – Echtzeit-Überweisungen in Europa. Verfügbar unter: [www.bundesbank.de/de/aufgaben/zahlungsverkehr-und-bargeld/tips]
- Handelsblatt (2023): Blockchain bei Banken – Hype oder Hoffnung?. Verfügbar unter: www.handelsblatt.com
- Verbraucherzentrale (2024): Geld ins Ausland überweisen – Kosten und Tipps. Verfügbar unter: www.verbraucherzentrale.de
- Settlemint (2023): Case Study: Raiffeisenbank Oberbayern Südost eG – Blockchain für Echtzeit-Überweisungen. Verfügbar unter: www.settlemint.com
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