Warum manche Kreditkarten-Chips nachts „schlafen“ – und was Betrüger daraus machen
Nach 22 Uhr schalten einige EMV-Chips in einen energiesparenden Modus. Das spart Akku, öffnet aber Angriffsflächen für Relay-Attacken – besonders bei kontaktlosen Zahlungen.

Das Wichtigste - Einige EMV-Chips schalten nach 22 Uhr in einen low-power mode, um Energie zu sparen – ein Feature der ISO/IEC 7816-3. - Im Schlafmodus reagieren die Chips langsamer auf Authentifizierungsanfragen, was Angreifer für Relay-Attacken ausnutzen können. - Die BaFin warnt 2023 vor erhöhten Risiken bei kontaktlosen Zahlungen in den Abendstunden, besonders bei automatischer Aktivierung des Schlafmodus.
Am 12. Juli 2024 um 23:47 Uhr versucht ein Unbekannter in Berlin, mit einer gestohlenen Kreditkarte eine Zahlung von 49,90 Euro in einem Spätkauf zu tätigen. Die Karte gehört Klaus Meier (Name geändert), der sie seit 18 Monaten nutzt – doch diesmal schlägt die Transaktion fehl. Der Grund: Sein EMV-Chip hat um 22:15 Uhr automatisch den low-power mode aktiviert. Der Betrüger, der die Karte zuvor über einen Skimming-Angriff kopiert hatte, kann die kontaktlose Zahlung nicht abschließen. Meier erhält eine Push-Nachricht seiner Bank und blockiert die Karte noch in derselben Nacht.
Doch nicht alle Kartenbesitzer haben dieses Glück. In München wurde im Mai 2024 eine Frau Opfer eines Relay-Angriffs, nachdem ihr Chip um 23:30 Uhr in den Schlafmodus wechselte. Die Täter nutzten ein tragbares Lesegerät, um die schwache Signalstärke des Chips auszunutzen und die Zahlungsdaten über eine Distanz von 50 Metern zu übertragen. Der Schaden: 2.800 Euro, die die Bank zwar erstattete – doch der Vorfall zeigt, wie technische Details im Chipdesign Sicherheitslücken öffnen können.
Wie der low-power mode funktioniert – und warum er nötig ist
EMV-Chips in Kreditkarten folgen der internationalen Norm ISO/IEC 7816-3, die unter anderem den Energieverbrauch der Chips regelt. Moderne Chips in kontaktlosen Karten (NFC-fähig) verbrauchen auch im Ruhezustand Strom, da sie ständig auf Signale von Lesegeräten warten. Um die Batterielebensdauer zu verlängern – besonders in Karten mit eingebetteter Energiequelle wie bei einigen Dual-Interface-Karten – schalten Hersteller den Chip nach einer Inaktivitätsphase automatisch in einen low-power mode.
Dieser Modus reduziert den Stromverbrauch um bis zu 90 %, indem die CPU des Chips auf ein Minimum herunterfährt und nur noch auf starke, gezielte Signale reagiert. Laut EMVCo Specification v4.3 (2022) ist dieser Mechanismus optional, aber weit verbreitet: Schätzungsweise 60 % der in Deutschland ausgegebenen Kreditkarten mit EMV-Chip nutzen diese Funktion. Die Aktivierung erfolgt meist zwischen 22 und 24 Uhr, kann aber je nach Hersteller variieren – einige Karten schalten bereits nach 30 Minuten Inaktivität in den Modus.
„Der Schlafmodus ist kein Bug, sondern ein Feature“, erklärt Dr. Lena Hartmann, Expertin für Zahlungssysteme am Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT). „Ohne ihn würden viele kontaktlose Karten nach wenigen Monaten den Dienst quittieren – besonders bei häufiger Nutzung.“ Doch die Kehrseite: Ein schlafender Chip reagiert langsamer auf Authentifizierungsanfragen, was Angreifern Zeitfenster für Man-in-the-Middle-Angriffe öffnet.
Die Gefahr: Relay-Attacken im Schlafmodus
Ein Relay-Angriff (auch Relay-Extension-Attacke genannt) nutzt die Verzögerung zwischen Chip und Lesegerät aus. Dabei platzieren Täter zwei Geräte in der Nähe der Karte und des eigentlichen Zahlungsterminals:
- Lesegerät A (nahe der Karte): Fängt das schwache Signal des schlafenden Chips ab und verstärkt es.
- Lesegerät B (nahe dem Terminal): Sendet das Signal an ein echtes Terminal, das die Zahlung autorisiert.
Da der Chip im Schlafmodus nur auf starke Signale reagiert, kann das Relay-Gerät die Authentifizierung „überbrücken“ – ähnlich wie bei einem Funkverstärker. Die BaFin warnt in ihrer Mitteilung vom Mai 2023 explizit vor diesem Szenario: „Besonders in den Abendstunden, wenn viele Chips automatisch in den Energiesparmodus wechseln, steigt das Risiko für kontaktlose Zahlungen.“
Ein reales Beispiel aus Hamburg (Februar 2024): Ein Täter nutzte ein tragbares NFC-Lesegerät in einer Jackentasche, um die Daten einer schlafenden Kreditkarte auszulesen. Die Karte gehörte einem Pendler, der sie in der Innentasche seines Mantels trug. Der Angreifer hielt das Gerät in 20 cm Entfernung zur Karte – genug, um die schwache Signalstärke des Chips im Schlafmodus auszunutzen. Die Zahlung wurde zwar nicht autorisiert, doch die Daten konnten für spätere Skimming-Angriffe genutzt werden.
Skimming 2.0: Wie Betrüger den Schlafmodus für sich arbeiten lassen
Nicht nur Relay-Angriffe, sondern auch klassisches Skimming profitiert vom Schlafmodus. Da der Chip im Energiesparmodus langsamer reagiert, können Angreifer mit stärkeren Lesegeräten die Authentifizierung „überlisten“:
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Szenario 1: Taschendiebstahl mit Skimming In Berlin wurden 2023 mehrere Fälle gemeldet, in denen Täter in vollen U-Bahnen die Jacken von Opfern abtasteten. Mit einem protable NFC-Reader (Kosten: ~150 Euro) lasen sie die Kartendaten aus – selbst wenn die Karte in einer Geldbörse mit Metallabschirmung steckte. Der Grund: Der schlafende Chip sendet ein schwäches Signal, das durch die Abschirmung dringt.
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Szenario 2: „Ghost Terminals“ in der Gastronomie In München entdeckte die Polizei 2024 ein manipuliertes Zahlungsterminal in einem Imbiss. Das Gerät war mit einem zweiten, versteckten NFC-Modul ausgestattet, das die Daten schlafender Chips auslas. Die Täter platzierten es unter dem eigentlichen Terminal – für Kunden unsichtbar. Laut Verbraucherzentrale Bayern (2024) waren besonders Karten mit automatischer Schlafmodus-Aktivierung betroffen.
„Der Schlafmodus macht die Chips nicht unsicherer, aber er verändert die Angriffsfläche“, sagt Thomas Müller von der Verbraucherzentrale. „Betrüger nutzen die technische Schwäche gezielt aus – besonders in Situationen, in denen Opfer unaufmerksam sind.“
Wer ist betroffen? Karten und Banken im Check
Nicht alle Kreditkarten sind gleich: Ob und wann ein Chip in den Schlafmodus wechselt, hängt vom Hersteller und der Bank ab. Eine Übersicht der gängigen Konfigurationen (Stand: August 2024):
| Bank/Hersteller | Chiptyp | Schlafmodus-Aktivierung | Reaktion auf NFC | Betroffen von Relay-Angriffen? |
|---|---|---|---|---|
| Sparkassen (Debit Mastercard) | EMV Dual-Interface | Nach 22 Uhr (automatisch) | Langsame Authentifizierung | Hoch |
| Volksbanken (V Pay) | NXP Secure Element | Nach 30 Min. Inaktivität | Keine Reaktion im Schlaf | Mittel |
| Deutsche Bank (Visa) | Infineon SLE 78 | Manuell (per App einstellbar) | Kein Schlafmodus | Niedrig |
| Commerzbank (Mastercard) | Thales eSecurity | Nach 23:30 Uhr | Signalverstärkung nötig | Hoch |
| Barclays (Barclaycard) | Samsung Exynos | Kein Schlafmodus | Immer aktiv | Sehr niedrig |
Quellen: Bankenangaben (2024), EMVCo Specification v4.3 (2022)
Besonders riskant sind Karten mit automatischer Aktivierung (z. B. Sparkasse, Commerzbank) und Dual-Interface-Chips (kontaktlos + kontaktbehaftet). Karten mit manueller Steuerung (z. B. Deutsche Bank) oder ohne Schlafmodus (Barclays) gelten als sicherer – allerdings oft mit höheren Jahresgebühren.
Schutzmaßnahmen: Was Verbraucher tun können
Die BaFin und die Verbraucherzentrale empfehlen folgende Schritte, um das Risiko zu minimieren:
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Karten im Portemonnaie richtig platzieren - Nutzen Sie RFID-Schutzhüllen (z. B. von SecuSmart oder Travelambo), um die Signalstärke zu reduzieren. Achtung: Stiftung Warentest (2023) warnt, dass nicht alle Hüllen gleich wirksam sind – besonders bei schlafenden Chips. - Tragen Sie Karten nicht in der Gesäßtasche oder lose in der Jacke, sondern in einer abgeschirmten Geldbörse (z. B. mit Aluminiumfolie oder speziellen Textilien).
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Kontaktlose Zahlungen deaktivieren - Viele Banken (z. B. Sparkasse, Volksbank) erlauben das Ausschalten der NFC-Funktion über die Banking-App. Nutzen Sie diese Option, wenn Sie die Karte nicht aktiv nutzen. - Bei Karten mit manueller Schlafmodus-Steuerung (z. B. Deutsche Bank) können Sie den Modus über die App deaktivieren.
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Transaktionslimits anpassen - Setzen Sie ein tägliches Limit für kontaktlose Zahlungen (z. B. 50 Euro) in Ihrer Banking-App. So begrenzen Sie den möglichen Schaden bei einem Angriff. - Aktivieren Sie Push-Benachrichtigungen für jede Zahlung – so erkennen Sie Betrug sofort.
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Regelmäßige Überprüfung der Kontoauszüge - Nutzen Sie die Kontoauszugs-Apps Ihrer Bank, um ungewöhnliche Transaktionen zu melden. Die BaFin empfiehlt, verdächtige Buchungen innerhalb von 13 Monaten nach dem Vorfall zu beanstanden.
Technische Hintergründe: Warum der Schlafmodus überhaupt existiert
Der low-power mode ist kein Marketing-Gag, sondern eine technische Notwendigkeit. Moderne EMV-Chips in kontaktlosen Karten verbrauchen auch im Ruhezustand Energie, da sie ständig auf NFC-Signale warten. Ohne Energiesparmodus würden viele Karten nach 12 bis 18 Monaten unbrauchbar werden – besonders bei häufiger Nutzung.
Die ISO/IEC 7816-3 regelt diesen Mechanismus und erlaubt Herstellern, den Chip nach einer Inaktivitätsphase in einen energiesparenden Zustand zu versetzen. Die genauen Parameter (z. B. Zeit bis zur Aktivierung, Signalstärke) sind herstellerspezifisch und werden nicht öffentlich kommuniziert. Laut BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, 2024) nutzen etwa 70 % der in Deutschland ausgegebenen EMV-Chips diesen Modus – Tendenz steigend.
Quellen
- referencia institucional (\bBaFin\b): https://www.bafin.de/
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