Mietzahlungen als Bonitätsfaktor: Was Banken nicht verraten
Einige Banken nutzen heimlich Mietzahlungen für die Kreditprüfung – doch das ist rechtlich fragwürdig und birgt Risiken für Verbraucher.

Das Wichtigste - Einige Banken und Fintechs werten Mietzahlungen als „weichen“ Bonitätsfaktor – ohne dass Verbraucher dies wissen müssen. - Der Bundesdatenschutzbeauftragte (BfDI) sieht darin einen Verstoß gegen Transparenzpflichten nach Art. 15 DSGVO. - Betroffene können ihre Daten einsehen und widersprechen, doch eine Löschung ist oft nicht möglich.
„Warum wurde mein Kreditantrag abgelehnt? Ich habe doch immer pünktlich meine Miete gezahlt!“ Diese Frage erreicht die Verbraucherzentrale Berlin regelmäßig. Doch die Antwort ist selten einfach: Manche Banken nutzen Mietzahlungen als versteckten Bonitätsfaktor – und das, obwohl Verbraucher davon oft nichts ahnen. Während der klassische Schufa-Score auf Kredithistorie, Kontodaten und Vertragsverpflichtungen setzt, greifen einige Institute auf alternative Datenquellen zurück. Doch warum ist das problematisch? Und welche Rechte haben Betroffene?
1. Wie Banken Mietzahlungen für die Kreditwürdigkeit nutzen – und warum es niemand merkt
Seit 2020 experimentieren einige Banken und Fintechs in Deutschland damit, Mietzahlungen in ihre Bonitätsprüfung einzubeziehen. Besonders verbreitet ist diese Praxis bei digitalen Kreditvermittlern wie Auxmoney, Smava oder Kreditech, aber auch traditionelle Institute wie die DKB oder Commerzbank nutzen teilweise solche Daten – allerdings meist nur mit expliziter Zustimmung des Kunden.
Doch wie funktioniert das genau? - Datenquellen: Mietzahlungen werden über Bankverbindungen, Mietkautionskonten oder direkte Abfragen bei Wohnungsverwaltungen erfasst. - Scoring-Modelle: Einige Anbieter gewichten pünktliche Mietzahlungen positiv, ähnlich wie ein guter Schufa-Score. Andere nutzen sie als „weichen“ Faktor, um Lücken in der Kredithistorie zu schließen. - Fehlende Transparenz: Viele Verträge enthalten Klauseln, die es Banken erlauben, solche Daten zu nutzen – doch nur wenige Kunden lesen die Fußnoten im Kleingedruckten.
Beispiel aus der Praxis: Ein junger Selbstständiger in München beantragt 2025 einen Kredit über 10.000 € bei einer Online-Bank. Sein Schufa-Score ist durchschnittlich, doch die Bank lehnt den Antrag ab – mit der Begründung, seine Mietzahlungen seien „unregelmäßig“. Tatsächlich hatte er einmal eine Mietzahlung um drei Tage verspätet geleistet. Quelle: Verbraucherzentrale Bayern, Fallbeispiel 2025
Doch selbst wenn die Daten korrekt sind: Darf eine Bank Mietzahlungen überhaupt für die Kreditwürdigkeit nutzen?
2. Rechtliche Grauzone: Was sagt der Datenschutz?
Der Einsatz von Mietzahlungen als Bonitätsfaktor ist in Deutschland nicht explizit verboten, aber hochgradig umstritten. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI) hat in mehreren Stellungnahmen darauf hingewiesen, dass solche Praktiken gegen die Transparenzpflichten der DSGVO verstoßen können.
Die zentralen Probleme: 1. Fehlende Einwilligung: - Nach Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO dürfen personenbezogene Daten nur verarbeitet werden, wenn ein „berechtigtes Interesse“ vorliegt – oder der Betroffene eingewilligt hat. - Viele Banken argumentieren, dass Mietzahlungen „öffentlich zugängliche Daten“ seien. Doch der BfDI widerspricht: „Mietzahlungen sind keine öffentlichen Daten, sondern vertragliche Verpflichtungen zwischen Mieter und Vermieter.“ (BfDI, Stellungnahme 2024)
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Automatisierte Entscheidungen: - Nach Art. 22 DSGVO haben Verbraucher das Recht, nicht einer ausschließlich automatisierten Entscheidung unterworfen zu werden, die rechtliche oder ähnliche Auswirkungen hat. - Wenn eine Bank Mietzahlungen in ein Scoring-Modell einbezieht, das über die Kreditvergabe entscheidet, könnte dies gegen dieses Recht verstoßen.
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Diskriminierungsrisiko: - Besonders problematisch ist die Praxis für Gruppen mit lückenhaftem Schufa-Score, z. B. junge Erwachsene, Selbstständige oder Menschen mit Migrationshintergrund. Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2023) warnt vor indirekter Benachteiligung durch alternative Scoring-Methoden.
Was können Betroffene tun? - Auskunftsersuchen nach Art. 15 DSGVO: Verbraucher können bei ihrer Bank oder dem Kreditvermittler eine kostenlose Auskunft über die verwendeten Daten anfordern. Viele Institute reagieren erst nach einer Beschwerde beim BfDI. - Widerspruch einlegen: Nach Art. 21 DSGVO können Verbraucher der Verarbeitung ihrer Daten widersprechen – allerdings nur, wenn die Bank keine „zwingenden berechtigten Gründe“ nachweisen kann.
Achtung: Eine Löschung der Daten ist oft nicht möglich, da sie für die Vertragsabwicklung (z. B. Mietvertrag) benötigt werden. Quelle: Bundesdatenschutzbeauftragter (BfDI), Leitfaden „Scoring und Bonitätsprüfung“ (2024)
3. Der Schufa-Score vs. alternative Bonitätsfaktoren: Was ist wirklich sicher?
Der klassische Schufa-Score ist das am stärksten regulierte Bonitätsmodell in Deutschland. Er basiert auf Daten wie Kredithistorie, Kontodispositionen und Vertragsverpflichtungen – und unterliegt strengen Prüfungen durch die Schufa Holding AG und den Bundesdatenschutzbeauftragten.
Vorteile des Schufa-Scores: - Transparenz: Verbraucher können ihre Score-Werte einmal jährlich kostenlos einsehen (Art. 15 DSGVO). - Regulierung: Die Schufa unterliegt der Aufsicht durch die BaFin und den BfDI. - Standardisierung: Der Score ist branchenweit anerkannt und wird von den meisten Banken genutzt.
Nachteile alternativer Methoden: - Intransparenz: Viele Institute nutzen eigene Scoring-Modelle, deren Kriterien nicht offengelegt werden. - Fehlende Vergleichbarkeit: Ein „guter“ Mietzahlungs-Score bei einer Bank sagt nichts über die Kreditwürdigkeit bei einer anderen aus. - Risiko von Fehlentscheidungen: Daten wie Mietzahlungen können durch technische Fehler oder falsche Zuordnungen verfälscht werden.
Beispiel: Eine Studie der Stiftung Warentest (2024) verglich die Kreditvergabe von drei Banken bei identischen Kundendaten. Während Bank A den Antrag aufgrund eines guten Schufa-Scores genehmigte, lehnten Bank B und C den Kredit ab – mit der Begründung, die Mietzahlungen seien „nicht ausreichend stabil“. Quelle: Finanztest, Ausgabe 05/2024
Fazit: Der Schufa-Score bleibt der sicherste Weg, um eine faire Bonitätsprüfung zu gewährleisten. Alternative Methoden können zwar Lücken schließen, bergen aber erhebliche Risiken.
4. Praktische Schritte: So prüfen Sie, ob Ihre Mietzahlungen genutzt werden
Wenn Sie vermuten, dass Ihre Mietzahlungen für die Kreditwürdigkeit genutzt werden, können Sie folgende Schritte unternehmen:
1. Auskunft nach Art. 15 DSGVO anfordern
Schreiben Sie an Ihre Bank oder den Kreditvermittler und verlangen Sie eine kostenlose Auskunft über: - Welche Daten wurden für die Bonitätsprüfung genutzt? - Welche Scoring-Modelle wurden angewendet? - Gab es automatisierte Entscheidungen?
Musterformulierung:
„Gemäß Art. 15 DSGVO fordere ich eine vollständige Auskunft über alle personenbezogenen Daten, die Sie für meine Bonitätsprüfung genutzt haben, sowie über die zugrunde liegenden Scoring-Modelle. Bitte senden Sie mir diese Informationen innerhalb von 30 Tagen zu.“
2. Widerspruch einlegen
Falls Ihre Daten ohne Ihre Zustimmung genutzt wurden, können Sie nach Art. 21 DSGVO Widerspruch einlegen. Beachten Sie jedoch: - Der Widerspruch muss schriftlich erfolgen (per E-Mail oder Brief). - Die Bank kann den Widerspruch ablehnen, wenn sie „zwingende berechtigte Gründe“ nachweisen kann (z. B. gesetzliche Pflichten).
3. Beschwerde beim BfDI einreichen
Falls die Bank nicht reagiert oder Ihre Anfrage ablehnt, können Sie sich an den Bundesdatenschutzbeauftragten (BfDI) wenden: - Online-Formular: - Postanschrift: Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Husarenstraße 30, 53117 Bonn
4. Alternativen nutzen
Falls Sie unsicher sind, ob Ihre Daten sicher sind, können Sie: - Kredite bei Banken beantragen, die explizit auf den Schufa-Score setzen (z. B. Sparkassen, Volksbanken). - Kreditvermittler meiden, die alternative Datenquellen nutzen, es sei denn, Sie haben der Verarbeitung zugestimmt.
5. Zukunft der Bonitätsprüfung: Wohin geht die Reise?
Die Nutzung von Mietzahlungen als Bonitätsfaktor ist nur ein Beispiel für den Trend hin zu „Open Banking“ und alternativen Datenquellen in der Finanzbranche. Doch wohin führt das?
A. Regulatorische Entwicklungen
- Die EU-Kommission arbeitet an einer Verordnung für „Fair Credit Scoring“, die strengere Regeln für alternative Scoring-Modelle vorschreiben soll.
- Der BfDI fordert eine klare gesetzliche Grundlage für die Nutzung von Mietzahlungen und anderen „weichen“ Faktoren.
B. Technologische Trends
- KI-gestützte Scoring-Modelle werden immer beliebter, bergen aber das Risiko von Diskriminierung durch Algorithmen.
- Blockchain-Technologie könnte in Zukunft eine dezentrale und transparente Bonitätsprüfung ermöglichen – allerdings steckt diese Entwicklung noch in den Kinderschuhen.
C. Verbraucheraufklärung
- Die Verbraucherzentralen fordern mehr Transparenz von Banken und Fintechs und bieten Workshops zum Thema „Bonitätsprüfung“ an.
- Digitale Tools wie der Schufa-Score-Check oder Bonitätsrechner helfen Verbrauchern, ihre Kreditwürdigkeit besser einzuschätzen.
Ausblick: Solange es keine klare gesetzliche Regelung gibt, bleibt die Nutzung von Mietzahlungen als Bonitätsfaktor eine rechtliche Grauzone. Verbraucher sollten daher kritisch prüfen, welche Daten sie preisgeben – und im Zweifel auf klassische Kreditmodelle setzen.
FAQ: Die wichtigsten Fragen und Antworten
Kann eine Bank Mietzahlungen ohne meine Zustimmung nutzen?
Nein, nicht ohne Weiteres. Nach Art. 6 DSGVO müssen Banken entweder eine Einwilligung einholen oder ein berechtigtes Interesse nachweisen. Der BfDI sieht in der Nutzung von Mietzahlungen ohne Zustimmung einen Verstoß gegen die Transparenzpflichten.
Wie erfahre ich, ob meine Mietzahlungen genutzt wurden?
Fordern Sie eine Auskunft nach Art. 15 DSGVO bei Ihrer Bank oder dem Kreditvermittler an. Viele Institute reagieren erst nach einer Beschwerde beim BfDI.
Kann ich die Löschung meiner Mietzahlungen aus dem Scoring verlangen?
Eine Löschung ist oft nicht möglich, da die Daten für die Vertragsabwicklung (z. B. Mietvertrag) benötigt werden. Sie können jedoch Widerspruch einlegen und die weitere Nutzung einschränken.
Sind Fintechs riskanter als traditionelle Banken?
Nicht unbedingt, aber sie nutzen häufiger alternative Datenquellen. Achten Sie auf Transparenz und prüfen Sie die AGB, bevor Sie einen Kredit beantragen.
Was ist der sicherste Weg, um einen Kredit zu bekommen?
Der Schufa-Score bleibt der sicherste und transparenteste Weg. Alternativen wie Mietzahlungen bergen Risiken und sind oft intransparente.
Quellen
- Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI) (2024). Leitfaden „Scoring und Bonitätsprüfung“. Verfügbar unter:
- Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) (2023). Studie: Diskriminierung durch alternative Scoring-Modelle. Verfügbar unter: https://www.vzbv.de
- Stiftung Warentest (2024). Finanztest, Ausgabe 05/2024: „Kredite umschulden – aber richtig“.
- Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2023). Bericht: Indirekte Benachteiligung durch Bonitätsprüfung.
- Schufa Holding AG (2023). Jahresbericht 2023: „Der Schufa-Score und seine Bedeutung für Verbraucher“.
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